Der Streik
Lichter des Lokals waren schon lange nicht mehr zu sehen, als ihr bewusst wurde, dass sie den Geschmack der Zigarette, die er ihr gegeben hatte, besonders genoss: Er war anders als alles, was sie jemals geraucht hatte. Sie hielt den kurzen Rest davon in das Licht des Armaturenbretts und suchte nach dem Namen der Sorte. Aber es gab keinen Namen, nur ein Warenzeichen. Der goldene Aufdruck auf dem dünnen weißen Papier zeigte das Dollarzeichen.
Neugierig prüfte sie es: Sie hatte von der Marke noch nie gehört. Dann erinnerte sie sich an den alten Mann im Zeitungsladen des Taggart Terminals und lächelte. Dies war, dachte sie, ein neues Exemplar für seine Sammlung. Sie drückte die Glut aus und ließ den Stummel in ihre Handtasche fallen.
Zug Nummer 57 stand am Gleis bereit, um nach Wyatt Junction aufzubrechen, als sie in Cheyenne ankam, ihren Wagen in der Werkstatt zurückgab, bei der sie ihn gemietet hatte, und hinaus auf den Bahnsteig des Taggart-Bahnhofes trat. Sie musste eine halbe Stunde auf den Zug warten, der in östlicher Richtung auf der Hauptstrecke nach New York fuhr. Sie ging bis ans Ende des Bahnsteiges und lehnte sich erschöpft an einen Laternenpfahl. Sie wollte nicht von den Bahnhofsmitarbeitern gesehen und erkannt werden, sie wollte mit niemandem sprechen, sie musste sich ausruhen. Einige Leute standen in Grüppchen auf dem halb leeren Bahnsteig; sie schienen in angeregte Gespräche vertieft, und man sah mehr Zeitungen als üblich.
Sie betrachtete die erleuchteten Fenster von Zug Nummer 57 – um bei dem Anblick dieser gelungenen Leistung einen Augenblick der Erleichterung zu empfinden. Zug Nummer 57 würde gleich die Gleise der John-Galt-Linie hinunterfahren, durch die Städte, durch die Kurven in den Bergen, vorbei an den grünen Lichtsignalen, an denen jubelnde Leute gestanden hatten, und den Dörfern, aus denen Raketen in den Sommerhimmel aufgestiegen waren. Zerknitterte Reste von Blättern hingen nun an den Zweigen über den Dächern der Waggons, und die Passagiere, die in den Zug stiegen, trugen Pelzmäntel und dicke Schals. Sie bewegten sich mit der Selbstverständlichkeit einer täglichen Routine, in der sicheren Erwartung eines gewohnten Ablaufs, der seit Langem als gegeben hingenommen wurde. … Wir haben es geschafft, dachte sie, so viel zumindest ist geschafft.
Die Unterhaltung zweier Männer, die zufällig irgendwo hinter ihr standen, riss sie plötzlich aus ihren Gedanken.
„Aber Gesetze sollten nicht auf diese Weise gemacht werden, nicht so überstürzt.“
„Es sind keine Gesetze, es sind Richtlinien.“
„Dann ist es illegal.“
„Es ist nicht illegal, weil das Parlament letzten Monat ein Gesetz verabschiedet hat, das ihm das Recht verleiht, Richtlinien herauszugeben.“
„Ich finde nicht, dass die Leute so plötzlich mit Richtlinien konfrontiert werden sollten, aus heiterem Himmel, wie ein Schlag ins Gesicht.“
„Es gibt keine Zeit, lange herumzureden, wenn ein nationaler Notstand droht.“
„Aber ich finde es nicht richtig, und es passt nicht zusammen. Was wird Rearden tun, wenn sie hier schreiben, dass …“
„Warum solltest du dir um Rearden Sorgen machen? Er ist reich genug. Er findet für alles einen Weg.“
Sie rannte zum ersten Zeitungsstand, den sie fand, und griff nach einem Exemplar der Abendzeitung.
Es stand auf der Titelseite. Wesley Mouch, der oberste Koordinator des Büros für Wirtschaftsplanung und nationale Ressourcen hatte „in einem überraschenden Vorstoß“, wie die Zeitung berichtete, „aufgrund des nationalen Notstands“ eine Reihe von Richtlinien herausgegeben, die darunter in einer Spalte aufgelistet waren: Die Eisenbahnen des Landes wurden angewiesen, die Höchstgeschwindigkeit aller Züge auf sechzig Meilen pro Stunde zu reduzieren, die maximale Länge aller Züge auf sechzig Waggons zu verkürzen und innerhalb einer Zone von fünf benachbarten Bundesstaaten in allen Staaten gleich viele Züge zu betreiben. Das Land würde zu diesem Zweck eigens in solche Zonen unterteilt werden.
Die Stahlwerke des Landes wurden angewiesen, die maximale Produktion jeder Metalllegierung auf eine Menge zu begrenzen, die der Produktion anderer Metalllegierungen durch andere Hüttenwerke mit derselben Produktionskapazität entsprach, und einen gerechten Anteil jeder Metalllegierung an alle Kunden zu liefern, die sie kaufen wollten.
Allen Industriebetrieben des Landes wurde unabhängig von ihrer Art und Größe untersagt, von ihren aktuellen
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