Der Streik
fortginge, weiß der Himmel, was für einen Dreckskerl die Ihnen dann an meiner Stelle aufzwingen würden!“ Er wandte sich um. „Die haben irgendwas vor, Mr. Rearden. Ich weiß nicht, was, aber sie bereiten sich darauf vor, Sie mit irgendwas zu überrumpeln.“
„Womit?“
„Das weiß ich nicht. Aber in den letzten Wochen haben sie auf jede freie Stelle hier, auf jede Fahnenflucht gelauert und ihre eigenen Leute eingeschleust. Ein ziemlich fragwürdiger Trupp – ein paar von denen sind echte Schläger, die garantiert noch nie ein Stahlwerk von innen gesehen haben. Ich habe die Anweisung, so viele von ‚unseren Jungs‘ hier unterzubringen wie möglich. Warum, wollten sie mir nicht sagen. Ich weiß nicht, was die vorhaben. Ich habe versucht, sie auszuhorchen, aber sie sind da ziemlich zugeknöpft. Ich glaube, sie vertrauen mir nicht mehr. Ich gehöre wohl nicht mehr richtig dazu. Ich weiß nur, dass sich da etwas zusammenbraut.“
„Danke für die Warnung.“
„Ich versuche, alles herauszufinden. Ich werde verdammt noch mal versuchen, es rechtzeitig herauszufinden.“ Abrupt wandte er sich ab und ging davon, blieb aber nochmals stehen. „Mr. Rearden, wenn es nach Ihnen ginge, hätten Sie mich eingestellt?“
„Ja, gerne und sofort.“
„Danke, Mr. Rearden“, sagte er leise und in feierlichem Ton. Dann ging er davon.
Rearden sah ihm hinterher und lächelte mitfühlend, als er sah, mit welchem Trost der Ex-Relativist, Ex-Pragmatiker und Ex-Amoralist sich begnügen musste.
*
Am Nachmittag des 11. September brach in Minnesota ein Kupferdraht und legte die Förderbänder eines Getreidesilos an einem kleinen Landbahnhof von Taggart Transcontinental lahm.
Eine wahre Weizenflut bewegte sich über die Schnellstraßen, die Landstraßen, die aufgegebenen ländlichen Wege – die Ernte vieler Tausend Hektar Ackerland entlud sich gegen die zerbrechlichen Speichermauern an den Bahnhöfen. Die Flut war Tag und Nacht in Bewegung, zunächst waren es Rinnsale, die zu einem Bach zusammenliefen, dann Flüsse, dann Sturzbäche, befördert von klapprigen Lastwagen mit hustenden, tuberkulösen Motoren, von Wagen, die von den altersschwachen Skeletten hungernder Pferde gezogen wurden, und von Ochsenkarren, mit letzter Kraft von Menschen gelenkt, die um der triumphalen Belohnung der gigantischen Ernte dieses Herbstes willen zwei katastrophale Jahre überlebt hatten, von Männern, die ihre Lastwagen und Ochsenkarren mit Draht, Decken, Seilen und schlaflosen Nächten geflickt hatten, damit sie diese eine Fahrt noch überstanden, das Getreide transportierten und am Ziel notfalls den Geist aufgaben, bloß damit ihre Eigentümer die Chance erhielten zu überleben.
Jedes Jahr um diese Zeit rollte noch eine zweite große Welle durchs Land: Aus allen Ecken und Winkeln des Kontinents wurden Güterwaggons in der Minnesota-Sektion von Taggart Transcontinental zusammengezogen, und das Rattern der Eisenbahnräder eilte dem Quietschen der Waggons voraus wie ein strikt geplantes, vorweggenommenes Echo, heranbeordert und zeitlich darauf abgestimmt, die Flut entgegenzunehmen. Das ganze restliche Jahr über döste die Minnesota-Sektion vor sich hin, erst beim Klang der Erntegeräusche erwachte sie zu hektischem Leben. Vierzehntausend Güterwaggons füllten sonst in dieser Zeit die Rangierbahnhöfe; fünfzehntausend wurden diesmal erwartet. Die ersten Weizenzüge hatten bereits begonnen, die Flut den durstigen Mühlen, dann den Bäckereien und schließlich den Mägen der Nation zuzuführen, doch jeder Zug, jeder Waggon und jeder Getreidesilo zählte, es galt, jede Minute und jeden Zentimeter Raum auszunutzen.
Eddie Willers beobachtete Dagnys Mienenspiel, während sie ihre Notfallkartei durchsah; an ihrem Gesichtsausdruck erkannte er, was sie dort fand. „Der Terminal“, sagte sie leise und klappte die Kartei zu. „Ruf unten im Terminal an und sag ihnen, sie sollen die Hälfte ihrer Drahtvorräte nach Minnesota schicken.“ Eddie Willers gehorchte wortlos.
Ebenso wortlos legte er ihr am nächsten Morgen ein Telegramm des Washingtoner Taggart-Büros auf den Schreibtisch, das sie von der Verabschiedung einer Richtlinie in Kenntnis setzte, mit der infolge der kritischen Knappheit an Kupfer die Staatsbediensteten angewiesen wurden, sämtliche Kupferbergwerke zu beschlagnahmen und als Staatsbetriebe weiterzuführen. „Tja“, sagte sie und ließ das Telegramm in den Papierkorb fallen, „das ist das Ende von Montana.“
Wortlos hörte
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