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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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sie zu, als James Taggart ihr ankündigte, er werde die Speisewagen in sämtlichen Taggart-Zügen außer Betrieb nehmen lassen. „Wir können uns das nicht mehr leisten“, erklärte er, „wir haben durch diese gottverdammten Speisewagen immer Geld verloren, und wenn keine Lebensmittel zu bekommen sind, wenn selbst die Restaurants schließen, weil sie nicht einmal irgendwo ein Pfund Pferdefleisch auftreiben können, wie kann man das dann von den Eisenbahnen erwarten? Warum zum Teufel sollen wir die Passagiere überhaupt füttern? Sie haben Glück, wenn wir sie befördern, sie würden notfalls auch in Viehwaggons reisen, sollen sie sich selbst etwas zu essen einpacken, was kümmert es uns? Sie können nicht auf andere Züge ausweichen!“
    Das Telefon auf ihrem Schreibtisch war mittlerweile nicht mehr die Stimme des Geschäfts, sondern eine Alarmsirene für verzweifelte Katastrophenmeldungen: „Miss Taggart, wir haben keinen Kupferdraht mehr!“ „Nägel, Miss Taggart, einfache Nägel, könnten Sie jemanden bitten, uns eine Kiste Nägel zu schicken?“ „Können Sie irgendwo Farbe auftreiben, Miss Taggart, irgendeine wasserfeste Farbe, irgendwo?“
    Doch Washington hatte dreißig Millionen Dollar Subventionen in das von Emma Chalmers befürwortete und organisierte Projekt Sojabohne gesteckt – in Louisiana befand sich eine gewaltige Anbaufläche, auf der zum Zwecke der Umstellung der Ernährungsgewohnheiten der Nation Sojabohnen heranreiften. Emma Chalmers, besser bekannt als Kips Mama, war eine alte Soziologin, die jahrelang in Washington herumgelungert hatte, wie andere Frauen ihres Alters und Typs in Bars herumlungern. Niemand wusste genau zu sagen, warum, doch der Tod ihres Sohnes bei der Tunnelkatastrophe hatte ihr in Washington den Nimbus einer Märtyrerin verliehen, der von ihrer kürzlichen Konversion zum Buddhismus noch verstärkt wurde. „Die Sojabohne ist eine viel robustere, nahrhaftere und wirtschaftlichere Pflanze als all die extravaganten Nahrungsmittel, an die wir uns durch unsere verschwenderische, zügellose Ernährungsweise gewöhnt haben“, hatte Kips Mama immer wieder im Radio gesagt; ihre Worte fielen tröpfchenweise, doch die Tröpfchen klangen nicht wie Wasser, sondern wie Mayonnaise. „Sojabohnen sind ein hervorragender Ersatz für Brot, Fleisch, Getreide und Kaffee – und wenn wir alle gezwungen wären, sie als Grundnahrungsmittel einzusetzen, würde es die nationale Nahrungsmittelkrise beenden und uns ermöglichen, mehr Menschen zu ernähren. Die bestmögliche Nahrung für die größtmögliche Anzahl Menschen, das ist mein Wahlspruch. In einer Zeit verzweifelter Bedürftigkeit ist es unsere Pflicht, unsere Luxusvorlieben zu opfern und uns zurück zum Wohlstand zu essen, indem wir uns an das schlichte, gesunde Nahrungsmittel gewöhnen, von dem die Völker des Ostens so vortrefflich leben. Von den Völkern des Ostens können wir noch viel lernen.“
    „Kupferrohre, Miss Taggart, könnten Sie irgendwo Kupferrohre für uns auftreiben?“, flehten die Stimmen am Telefon sie an. „Schienennägel, Miss Taggart!“ „Schraubenzieher, Miss Taggart!“ „Glühbirnen, Miss Taggart, im Umkreis von zweihundert Meilen sind nirgends Glühbirnen zu bekommen!“
    Doch das Büro des Gemeinschaftsgeistbeauftragten steckte fünf Millionen Dollar in die Volksoper, die durchs ganze Land reiste und kostenlose Vorstellungen gab – für Menschen, die bei einer Mahlzeit pro Tag gar nicht die Kraft für den Weg zum Opernhaus aufbrachten. Sieben Millionen Dollar waren einem Psychologen genehmigt worden, der ein Projekt zur Erforschung des Wesens der Bruderliebe leitete, mit dem die globale Krise überwunden werden sollte. Zehn Millionen Dollar hatte der Hersteller eines neuen elektronischen Zigarettenanzünders erhalten – doch in den Geschäften des Landes waren keine Zigaretten zu bekommen. Es waren Taschenlampen auf dem Markt, aber keine Batterien; es gab Radios, aber keine Röhren; es gab Fotoapparate, aber keine Filme. Der Flugzeugbau war „vorübergehend eingestellt“ worden, wie es hieß. Flugreisen für private Zwecke waren verboten worden, sie waren nunmehr ausschließlich Missionen vorbehalten, die dem „Gemeinbedarf“ dienten. Ein Industrieller, der reiste, um seine Fabrik zu retten, galt nicht als dem Gemeinbedarf dienend und konnte kein Flugzeug besteigen; ein Beamter, der reiste, um Steuern einzutreiben, schon.
    „Die Menschen stehlen Schrauben und Schraubenmuttern aus den Gleisen,

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