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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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Transcontinental telefonierte eine kleine Gruppe weiterhin nach Güterwaggons, wiederholte wie die Besatzung eines sinkenden Schiffes ein SOS, das ungehört blieb. Monatelang standen beladene Güterwaggons auf dem Werksgelände von Firmen, deren Eigentümer Freunde von Privilegienhändlern waren und die dringenden Aufforderungen, die Waggons zu entladen und freizugeben, ignorierten. „Sagen Sie diesen Eisenbahnleuten, sie können uns …“, gefolgt von Worten, die nicht wiedergabefähig waren, lautete die Antwort der Smather-Brüder in Arizona auf den Hilferuf aus New York.
    In Minnesota wurden derweil sämtliche Güterwaggons beschlagnahmt, deren man habhaft werden konnte: von jeder Nebenstrecke, sogar aus der Mesabi Range und von Paul Larkins Erzbergwerken, wo die Waggons auf die magere Eisenerzausbeute warteten. Man lud den Weizen in Erzwaggons, in Kohlewaggons, in Verschlagwagen für Vieh, aus denen dünne goldene Rinnsale sickerten, als sie davonratterten. Man lud den Weizen in Passagierwaggons, wo er sich über Sitze, Gepäcknetze und Armaturen ergoss – um ihn irgendwie abzutransportieren, auf den Weg zu bringen, auch wenn dieser Weg in irgendwelchen Gräben neben den Gleisen endete, weil Züge wegen versagender Bremsen entgleisten oder berstende Lagerbuchsen Brände verursachten.
    Die Leute kämpften um Bewegung, um eine Bewegung ohne Gedanken an das Ziel, um Bewegung als Selbstzweck, in wilden, steifen, ungläubigen Zuckungen wie ein Gelähmter nach einem Schlaganfall, sie wehrten sich gegen die Erkenntnis, dass Bewegung plötzlich unmöglich geworden war. Andere Eisenbahngesellschaften gab es nicht mehr: James Taggart hatte sie alle ausgelöscht. Auf den Großen Seen gab es keine Schifffahrt mehr: Paul Larkin hatte sie ausgelöscht. Es gab nur eine einzige Bahnlinie und ein Netz vernachlässigter Schnellstraßen.
    Dann machten die wartenden Farmer sich mit Last- und Pferdewagen nach und nach blindlings auf den Weg, ohne Landkarten, ohne Benzin, ohne Futter für die Pferde – sie bewegten sich südwärts in Richtung der Getreidemühlen, die irgendwo auf sie warteten, ohne die Entfernungen zu kennen, die vor ihnen lagen, doch im Wissen um den Tod, der hinter ihnen lag – sie schleppten sich dahin, bis sie auf den Straßen, in tiefen Straßengräben, beim Einsturz verrottender Brücken liegen blieben. Einen Farmer fand man eine halbe Meile südlich des Wracks seines Lastwagens tot im Straßengraben, mit dem Gesicht nach unten und immer noch den Sack Weizen auf seiner Schulter umklammernd. Dann barsten die Wolken über den Prärien Minnesotas; der Regen ließ den Weizen an den Bahnhöfen verfaulen, er prasselte auf die Weizenhaufen, die entlang der Straßen verschüttet worden waren, und spülte die goldenen Körner in die Erde.
    Die Männer in Washington erreichte die Panik als Letzte. Sie verfolgten nicht die Nachrichten aus Minnesota, sondern das prekäre Gleichgewicht ihrer Freundschaften und Verbindlichkeiten; sie wogen nicht das Schicksal dieser Ernte ab, sondern das unergründliche Resultat unvorhersehbarer Gefühle in nicht denkenden Menschen mit unbeschränkter Macht. Sie warteten, entzogen sich allen Hilferufen und erklärten: „Ach, lächerlich, da ist nichts, weswegen man sich Sorgen machen müsste! Diese Taggart-Leute haben den Weizen noch immer rechtzeitig auf den Weg gebracht, sie werden eine Möglichkeit finden, ihn auch diesmal auf den Weg zu bringen!“
    Und als der Gouverneur von Minnesota in Washington die Hilfe der Armee gegen die Ausschreitungen anforderte, die er nicht mehr unter Kontrolle brachte, kamen innerhalb von zwei Stunden drei Richtlinien heraus, die anordneten, sämtliche Züge im Land anzuhalten und sämtliche Waggons schnellstens nach Minnesota zu schicken. Eine von Wesley Mouch unterzeichnete Verfügung verlangte die unverzügliche Freigabe der Güterwaggons, die im Dienste von Kips Mama standen. Doch da war es bereits zu spät. Die Güterwaggons von Kips Mama befanden sich in Kalifornien, denn man hatte die Sojabohnen an ein fortschrittliches Unternehmen geschickt, welches aus Soziologen bestand, die den Kult östlicher Enthaltsamkeit predigten, und aus Geschäftsleuten, die ehemals illegale Lotterien veranstaltet hatten.
    In Minnesota zündeten die Farmer derweil ihre eigenen Farmen an, zerstörten Silos und die Häuser von Verwaltungsbeamten, sie kämpften entlang der Gleise, manche um sie zu zerstören, andere um sie mit ihrem Leben zu verteidigen – ohne jedes

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