Der Streik
Ziel außer dem, gewalttätig zu werden; sie starben auf den Straßen ausgeweideter Städte und in den stillen Senken einer straßenlosen Nacht.
Schließlich blieben nur noch der beißende Gestank des in schwelenden Haufen verrottenden Getreides sowie einige wenige Rauchsäulen auf den Ebenen, die reglos über geschwärzten Ruinen in der Luft standen – und in einem Büro in Pennsylvania saß Hank Rearden an seinem Schreibtisch und betrachtete eine Liste mit Männern, die bankrottgegangen waren; es waren die Hersteller landwirtschaftlicher Geräte, die nicht bezahlt werden konnten und nun auch ihn nicht würden bezahlen können.
Die Sojabohnenernte gelangte gar nicht erst auf die Märkte das Landes; die Sojabohnen waren zu früh geerntet worden, sie waren verschimmelt und nicht zum Verzehr geeignet.
*
Am Abend des 15. Oktober brach in New York City in einem unterirdischen Stellwerk des Taggart Building ein Kupferdraht, und die Signallichter erloschen.
Nur ein einziger Draht war gebrochen, doch das verursachte einen Kurzschluss in der Stellwerkanlage, und von den Anzeigetafeln der Stellwerke sowie zwischen den Gleissträngen verschwanden die Signale, die für freie Fahrt oder Gefahr standen. Die roten und grünen Gläser blieben rot und grün, doch ohne lebendigen Glanz erinnerten sie an den toten, starren Blick von Glasaugen. Am Rand der Stadt stauten sich die Züge am Eingang zu den Tunneln des Terminals, und je länger die erzwungene Reglosigkeit andauerte, desto länger wurden die Schlangen – wie Blut, das von einem Gerinnsel in einer Vene aufgehalten wird und nicht in die Herzkammern strömen kann.
Dagny saß an diesem Abend an einem Tisch in einem privaten Speisesalon des Wayne-Falkland. Das Wachs der Kerzen tropfte auf die weißen Kamelien und Lorbeerblätter um die Füße der silbernen Kerzenständer, auf den Leinendamast der Tischdecke waren Berechnungen gekritzelt, und in einer Fingerschale schwamm ein Zigarrenstummel. Die sechs Männer, die ihr in förmlichen Smokingjacken am Tisch gegenübersaßen, waren Wesley Mouch, Eugene Lawson, Dr. Floyd Ferris, Clem Weatherby, James Taggart und Cuffy Meigs.
„Warum?“, hatte sie gefragt, als Jim ihr gesagt hatte, sie müsse an diesem Abendessen teilnehmen. „Nun … weil unser Verwaltungsrat nächste Woche tagt.“ „Und?“ „Dich interessiert doch sicher, was wegen unserer Minnesota-Linie beschlossen wird, oder nicht?“ „Wird das auf der Verwaltungsratssitzung beschlossen?“ „Nun, nicht direkt.“ „Wird das bei dem Abendessen beschlossen?“ „Nicht direkt, aber … ach, warum musst du immer so endgültig sein? Nichts ist jemals endgültig. Außerdem haben sie darauf bestanden, dass du kommst.“ „Warum?“ „Genügt das nicht?“
Sie fragte nicht, warum diese Männer ihre maßgeblichen Entscheidungen unbedingt bei solchen Zusammenkünften treffen wollten; sie wusste, dass es so war. Sie wusste, dass die Entscheidungen, um die es bei ihren lärmend inszenierten Rats- und Ausschusssitzungen und öffentlichen Debatten ging, immer bereits im Vorfeld getroffen wurden, in verstohlen informellem Rahmen, beim Mittag- oder Abendessen und in Bars, je gewichtiger der Sachverhalt, desto formloser der Rahmen. Es war das erste Mal, dass man sie, eine Außenstehende, den Feind, zu einer dieser Geheimsitzungen eingeladen hatte. Es war, dachte sie, die Anerkennung der Tatsache, dass sie sie brauchten, und vielleicht der erste Schritt in Richtung ihrer Kapitulation – es war eine Chance, die sie nicht ungenutzt vorübergehen lassen durfte.
Doch als sie nun im Kerzenschein des Speisesalons saß, war sie sicher, dass sie keine Chance hatte; einerseits war sie rastlos und unfähig, dies einfach hinzunehmen, da sie den Grund dafür nicht begriff, und zugleich war sie von Lethargie erfüllt, und es widerstrebte ihr, der Sache nachzugehen.
„Wie Sie, glaube ich, zugeben werden, Miss Taggart, scheint es nun keinerlei wirtschaftliche Rechtfertigung für ein weiteres Betreiben der Bahnstrecke in Minnesota mehr zu geben, die …“ „Und selbst Miss Taggart wird, da bin ich sicher, zustimmen, dass gewisse vorübergehende Streichungen angezeigt scheinen, bis …“ „Niemand, nicht einmal Miss Taggart, wird leugnen, dass es Zeiten gibt, in denen man Teile opfern muss, um das Ganze zu retten …“ Während sie hörte, wie ihr Name im Halbstundentakt ins Gespräch eingeflochten, mechanisch immer wieder fallen gelassen wurde, wobei der jeweilige Sprecher nie in
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