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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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Sie hat nicht auszufallen. Wir verstehen uns auf unsere Arbeit, wir erledigen sie so gut wie irgendjemand – aber nicht, wenn ausfällt, was nicht ausfallen darf!“ Beim Fahrdienstleiter, einem älteren Mann mit langer Berufserfahrung, fragte sie sich, ob er sich seine Intelligenz zwar bewahrt, aber beschlossen hatte, sie zu verbergen, oder ob monatelange Unterdrückung seiner Intelligenz ihr endgültig den Garaus gemacht und ihm den sicheren Zustand des Stillstands beschert hatte.
    „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, Miss Taggart.“ „Wir wissen nicht, wen wir wegen welcher Genehmigung anrufen sollen.“ „Es gibt keine Vorschriften für einen solchen Notfall.“ „Es gibt nicht einmal Vorschriften darüber, wer die Vorschriften hierfür aufstellen muss!“
    Sie hörte zu, griff ohne ein Wort der Erklärung zum Telefonhörer und befahl der Vermittlung, sie mit dem Betriebsleitenden Vizepräsidenten der Atlantic Southern in Chicago zu verbinden, ihn notfalls zu Hause anzurufen und aus dem Bett zu holen.
    „George? Dagny Taggart hier“, sagte sie, als die sie die Stimme ihres Konkurrenten vernahm. „Würden Sie mir für vierundzwanzig Stunden den Signaltechniker Ihres Chicagoer Terminals, Charles Murray, ausleihen? … Ja … Genau … Setzen Sie ihn in ein Flugzeug und schaffen Sie ihn mir so schnell wie möglich hierher. Sagen Sie ihm, wir zahlen ihm dreitausend Dollar. … Ja, für einen Tag. … Ja, so schlimm … Ja, ich bezahle ihn in bar, notfalls aus meiner eigenen Tasche. Ich zahle so viel, wie nötig ist, damit er ins Flugzeug steigt, aber setzen Sie ihn ins erste Flugzeug nach New York … Nein, George, nicht ein einziger – nicht ein einziger Mensch mit Verstand ist bei Taggart Transcontinental übrig … Ja, ich besorge die Papiere, die Sonder-, Ausnahme- und Notfallgenehmigungen. … Danke, George. Bis dann.“ Sie legte auf und sprach rasch zu den Männern vor ihr, um die Stille nicht hören zu müssen, die im Raum und im ganzen Terminal herrschte, wo keine Räder mehr ratterten, und um die bitteren Worte zu übertönen, die in der Stille widerzuhallen schienen: Nicht ein einziger Mensch mit Verstand ist bei Taggart Transcontinental übrig.
    „Bereiten Sie einen Bergungszug samt Mannschaft vor“, sagte sie. „Schicken Sie die Leute raus auf die Hudson-Trasse mit der Anweisung, jeden Zentimeter Kupfer rauszureißen, sämtlichen Kupferdraht, Lampen, Signale, Telefone, alles, was Unternehmenseigentum ist. Sorgen Sie dafür, dass es bis morgen hier ist.“ „Aber Miss Taggart! Der Betrieb der Hudson-Trasse ist nur vorübergehend eingestellt, und die Vereinigungsbehörde hat uns keine Genehmigung erteilt, die Trasse zu demontieren.“ „Ich übernehme die Verantwortung.“ „Aber wie sollen wir den Bergungszug hier rausbekommen, wenn es keine Signale gibt?“ „In einer halben Stunde gibt es wieder Signale.“ „Wie denn?“ „Kommen Sie“, sagte sie und stand auf.
    Sie folgten ihr über den Passagierbahnsteig, vorbei an Reisenden, die unruhig neben den stillstehenden Zügen warteten. Sie eilte über einen schmalen Steg, durch ein Labyrinth von Gleisen, vorbei an erloschenen Signalen und erstarrten Weichen. Nur das Klappern ihrer Satinsandalen hallte vom Tunnelgewölbe wider, und wie ein widerstrebendes Echo folgte ihr das hohle Knarren der Bretter unter den langsameren Schritten der Männer, die sie hinter sich herzog. Sie eilte auf den beleuchteten Glaswürfel von Stellwerk A zu, der wie eine Krone ohne Körper in der Dunkelheit hing, wie die Krone eines abgesetzten Herrschers über einem Reich verlassener Gleise.
    Der Stellwerkmeister war ein zu guter Fachmann in einer zu anspruchsvollen Stellung, um die gefährliche Bürde der Intelligenz vollständig verhehlen zu können. Er verstand schon bei ihren ersten Worten, was sie von ihm wollte, und antwortete nur mit einem knappen: „Ja, Ma’am“, doch als die anderen ihr endlich die Eisentreppe hinauf gefolgt waren, war er bereits über Tabellen gebeugt und arbeitete grimmig an der demütigendsten Rechenaufgabe, die er in seiner langen Berufslaufbahn je hatte lösen müssen. Er warf ihr nur einen einzigen Blick zu, und daran erkannte sie, wie vollständig er sie verstand: Es war ein empörter und zugleich ergebener Blick, der zu einem Gefühl passte, das er in ihrer Miene gelesen hatte. „Zuerst erledigen wir das hier, Zeit für Gefühle haben wir hinterher genug“, bemerkte sie, obwohl er gar nichts gesagt hatte. „Ja,

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