Der Streik
genau wie in der guten alten Zeit.“ Sie deutete auf den Stellwerkmeister. „Er arbeitet einen Plan aus, wann die Züge fahren und welche Gleise benutzt werden sollen. Er wird für jedes Signal und jede Weiche eine schriftliche Anweisung ausfertigen, er wird ein paar Männer zu Laufburschen bestimmen, und die werden die Anweisungen zu jedem Signalposten bringen – und es wird Stunden dauern, das zu tun, was sonst Minuten dauert, aber wir werden die wartenden Züge in den Terminal und wieder hinaus auf die Strecke schaffen.“
„Das sollen wir die ganze Nacht so machen?“
„Und morgen den ganzen Tag – so lange, bis der Ingenieur, der das Köpfchen dafür hat, Ihnen zeigt, wie die Stellwerkanlage zu reparieren ist.“
„In den Tarifverträgen steht aber nichts über Männer, die mit Laternen dastehen. Das gibt Ärger. Die Gewerkschaft wird protestieren.“
„Sollen sie zu mir kommen.“
„Die Vereinigungsbehörde wird Einwände haben.“
„Ich übernehme die Verantwortung.“
„Tja, ich würde ungern für diese Anordnungen zur Verantwortung gezogen werden …“
„Ich gebe die Anordnungen.“
Sie trat hinaus auf den eisernen Treppenabsatz an der Seite des Stellwerks; sie versuchte die Beherrschung zurückzuerlangen. Einen Augenblick lang kam sie sich bei diesem Versuch, eine transkontinentale Eisenbahn mit ihren beiden Händen zu betreiben, selbst vor wie ein hoch technisiertes Präzisionsinstrument ohne Strom. Sie sah hinaus in die weite, stille Dunkelheit des Taggart-Untergrunds – und empfand heiße Scham angesichts der Tatsache, dass dieses Unternehmen auf eine Stufe herabgesunken war, auf der menschliche Signalmasten als seine letzten Denkmäler in seinen Tunneln stehen mussten.
Sie konnte die Gesichter der Männer, die sich am Fuß des Stellwerks versammelten, kaum erkennen. Schweigend strömten sie durch die Dunkelheit herbei und standen dann reglos im trüben bläulichen Licht der blauen Glühbirnen an den Wänden hinter ihnen. Aus den Fenstern des Stellwerks fielen hellere Lichtflecken auf ihre Schultern. Sie sah die verschmierten Arbeitsanzüge, die untätigen, muskulösen Körper, die schlaff herabhängenden Arme der Männer, die ausgelaugt und erschöpft waren von einer undankbaren körperlichen Arbeit, die kein Denken erforderte. Dies war der Bodensatz der Eisenbahn, es waren die jüngeren Männer, die nun keine Aufstiegschancen mehr hatten, und die älteren, die nie nach Aufstieg gestrebt hatten. Schweigend standen sie da, nicht mit besorgter Neugier wie Arbeiter, sondern mit der dumpfen Gleichgültigkeit von Strafgefangenen.
„Die Anordnungen, die Sie gleich erhalten werden, stammen von mir“, verkündete sie über ihnen auf der Eisentreppe laut und deutlich. „Die Männer, die sie ausfertigen, handeln auf meine Anweisung. Die Stellwerkanlage ist ausgefallen. Jetzt wird sie durch menschliche Arbeitskraft ersetzt. Der Zugbetrieb wird unverzüglich wieder aufgenommen.“
Bei manchen Männern fiel ihr ein eigentümlicher Blick auf: eine Mischung aus verstohlenem Groll und der Sorte unverschämter Neugier, die ihr unvermittelt bewusst machte, dass sie eine Frau war. Dann fiel ihr wieder ein, welche Kleidung sie trug, und dachte, es müsse grotesk aussehen – aber dann durchfuhr sie ein heftiger Impuls, der sich wie trotzige Selbstbehauptung anfühlte und zugleich wie Treue zu der wahren Bedeutung dieses Augenblicks, und sie warf ihr Cape zurück und stand im grellen Licht des Stellwerks unter den rußigen Pfeilern da wie bei einem offiziellen Empfang: strikt aufrecht, den Luxus nackter Arme, glänzenden schwarzen Satins und eines Diamanten zur Schau stellend, der wie ein militärischer Orden blitzte.
„Der Stellwerkmeister wird den Weichenstellern ihre Posten zuteilen. Er wird Männer auswählen, die den Zügen mit Laternen Signale geben, und Männer, die seine Anordnungen überbringen. Die Züge werden …“
Sie musste eine bittere Stimme in ihrem Innern übertönen, die zu sagen schien: Das ist alles, wozu sie taugen, diese Männer, wenn überhaupt … Nicht ein einziger Mensch mit Verstand ist irgendwo bei Taggart Transcontinental übrig. …
„Die Züge werden in den Terminal geleitet und wieder hinaus. Sie bleiben alle auf Ihrem Posten, bis …“
Sie brach ab. Zuerst sah sie seine Augen und sein Haar – die gnadenlos scharfsinnigen Augen und die goldenen bis kupferfarbenen Haarsträhnen, die sogar hier im trüben Licht unter der Erde den Sonnenschein zu
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