Der Tag bricht an: Roman (Fortune de France) (German Edition)
seinem Inhalt noch so ruchlos und frevlerisch:
1. Wenn man im Jahr 1572, in der Bartholomäusnacht, die königlichen Sprosse zur Ader gelassen hätte (Guignard meinte: hätte man auch Condé und Heinrich von Navarra umgebracht, die aber, obwohl Hugenotten, von Karl IX. und Katharina von Medici verschont wurden, weil sie Prinzen von Geblüt waren), wären wir nicht vom Fieber in hitzige Krankheit verfallen, wie wir es erfahren mußten. Dadurch aber daß sie (Karl IX. und Katharina) dem Geblüt verziehen, haben sie Frankreich in Blut und Asche gelegt.
2. Der grausame Nero (Heinrich III.) wurde getötet von einem Jacques Clément, der simulierte Mönch (Anspielung auf Heinrichs Frömmigkeit) niedergemacht von der Hand eines echten Mönches.
3. Wie sollten wir als Könige ansehen einen Nero Sardanapal von Frankreich (Anspielung auf das Laster Heinrichs III.), einen Fuchs von Béarn, einen Löwen von Portugal, eine Wölfin von England, einen Greif von Schweden, einen Wildeber von Sachsen? (Es handelt sich sämtlich um europäische Herrscher, die Philipp II. von Spanien zu seinen Feinden rechnete. Ich überspringe die Punkte 4,5 und 6, die Heinrich III. weiter schmähten und seinen Mörder priesen.)
7. Die Krone Frankreichs könnte und sollte einer anderen Familie als den Bourbonen übertragen werden.
8. Der nunmehr zum katholischen Glauben bekehrte Béarnaiser würde milder behandelt werden, als er es verdient, wenn man ihm die mönchische Krone in einem Kloster aufsetzte, wo er Buße tun müßte für all die Übel, die er Frankreich angetan hat.
9. Kann man ihn nicht absetzen ohne Krieg, so bekriege man ihn! Kann man ihn nicht bekriegen, so lasse man ihn ermorden!
»Gelobt sei Gott!« rief Lugoli und schwenkte triumphierend das verräterische Blatt. »Das Glück war uns hold! Mein Freund, mein Freund, wir sind dem Ziel nahe! Dieses Stück Beredsamkeit heißt zweierlei: für seinen Autor den Tod und für seine Bruderschaft die Verbannung! Monsieur de Siorac, beliebt, mich zu entschuldigen. Ich eile, diesen Fund, kostbarer als alle Rubine der Welt, Präsident de Thou vorzulegen, auf daß er den Verblendeten die Binde von den Augen reiße, die für eine Vertagung gestimmt haben.«
Leser, du magst dir vorstellen, wie das Volk von Paris schrie und schäumte, daß die Jesuiten seinen guten König hatten ermorden wollen und es selbst wieder den Schrecken des Bürgerkriegs ausliefern und der Demütigung durch spanische Besatzung! Am Hof wurde nur geschworen und geflucht, man solle sie alle in einen Sack stecken und in der Seine ersäufen, samt den letzten Ligisten. Und was jene Herren vom Gericht anging, die sich für die Vertagung des Prozesses ausgesprochen hatten, so mußte man sehen, wie sie mit niedergeschlagenen Augen und eingezogenem Kopf umhergingen. Der Generalprokurator La Guesle – der die Vertagung gemeinsam mit Séguier betrieben hatte – wurde schief angesehen auf Schritt und Tritt. Bis der große Dämlack sich schließlich bei Seiner Majestät dafür entschuldigte, daß er, »ohne sich etwas dabei zu denken«, es für gut befunden hatte, die Jesuiten in Paris zu belassen.
»Das kommt davon, Herr Generalprokurator«, sagte der König essigsauer. »Ihr habt den Tod meines königlichen Bruders verursacht, ohne Euch etwas dabei zu denken. Ihr hättet Euch auch bei meinem nichts gedacht.«
Hätte der König zu mir so bittere Worte gesprochen, ich hätte mich in einer Einöde verkrochen. Aber niemand hat ein so dickes Fell wie ein Dummkopf. La Guesle blieb und ließ alles über sich ergehen.
Wie hatte doch Graf von Brissac, der es wissen mußte, gesagt: Es liegt nicht an der Wetterfahne, wenn sie sich dreht. Es liegt am Wind. Und der wehte jetzt wohl aus der Gegenrichtung. Denn nie seit Menschengedenken kamen die Herren vom Gerichtshof so rasch zum Beschluß: Der Jesuitenprozeß, den sie vier Monate früher ohne Entscheid an den Nagel gehängt hatten, wurde unverzüglich neu aufgerollt. Und entgegen dem,was sie seinerzeit gemeint hatten, verurteilten sie die Jesuiten, das Reich ohne Widerruf zu verlassen.
Wie wunderbar schnell so ein Gericht doch sein konnte! Am 27. Dezember 1594 hatte Chatel sein Attentat auf den König verübt. Am Sonntag, dem 8. Januar 1595 – zwölf Tage später – , traten die Jesuiten den Weg in die Verbannung an.
Sie wissen, schöne Leserin, ich dürste nicht nach Blut, den Todesqualen des kleinen Chatel wollte ich nicht beiwohnen, auch nicht dem Galgentod Guignards. Aber den
Weitere Kostenlose Bücher