Der Traum des Schattens
den Durst. Aber das hier… dieses Blut war weder notwendig noch wichtig, es diente zu gar nichts. Dennoch konnte sie nicht aufhören. Es war voll und würzig, wie ein seltener, kostbarer Wein, wie flüssige, dunkle Schokolade, wie… Sie hatte keine Ahnung, was es war, sie wusste nur, dass sie mehr davon wollte. Ob es der Wahnsinn war, der so gut schmeckte? Oder die Nacht, die in seinem Blut wohnte? Es störte sie kein bisschen, dass er ihr so nah war, dass er die Arme um sie legte. Moment mal! Er legte die Arme um sie?
Sie befreite sich aus der Umarmung und wischte sich über den Mund. Mattim war blass und wirkte verstört. Verdammt! Es tat seiner geistigen Gesundheit sicher nicht gut, dass sie sich so viel genommen hatte.
» Bist du okay?«, fragte sie.
Ein normaler Mensch hätte ohnmächtig werden oder wenigstens entkräftet zusammensacken müssen. Mattim starrte sie bloß an. Immerhin hatte ihr Plan funktioniert. Jetzt sah er nicht mehr ganz so gefährlich aus.
» Du erschreckst mich«, sagte er leise. » Du benimmst dich wie ein wildes Tier.«
Genau so fühlte sie sich auch, wie ein Raubtier, das seinen Hunger stillt, wie eine Wölfin, die Beute in den Fängen. Bloß dass sein Blut weder ihre Gier linderte noch ihr dabei helfen konnte, die Sonne des nächsten Tages auszuhalten. Nur die Sehnsucht wurde neu angefacht, ihn in den Armen zu halten. Dass jemand anders ihn auch nur anfassen könnte, die Vorstellung war ihr unerträglich. Am liebsten hätte sie weitergemacht, doch wie sollte sie das erklären? Sie konnte ja schlecht sagen: weil du so wunderbar schmeckst. Dunkel und bitter, süß und salzig zugleich.
Aber wenn es niemand erfuhr? Was für ein verlockender Gedanke: sich diesen Gefühlen ganz hinzugeben, ohne befürchten zu müssen, dass jemand etwas von diesem fremdartigen, verbotenen Hunger ahnte.
» Glaubst du an die Liebe?«, fragte er leise. » An zwei Menschen, die für den Rest ihres Lebens zusammengehören?«
Kein Mädchen, das auch nur halbwegs bei Verstand war, würde darauf hereinfallen. » Du meinst jetzt aber nicht uns beide, hoffe ich. Das klingt reichlich übertrieben, weißt du das? Schließlich kennst du mich kaum.«
» Stell dir vor, ein Mädchen und ein Junge begegnen sich. Sie haben sich nie gesehen, trotzdem ist da sofort etwas zwischen ihnen. Etwas Unvergleichliches.«
» Na toll. Es funkt also. Und dann? Dann gehen sie auseinander und sehen sich nie wieder.«
» Sie verbringen eine Nacht miteinander. Nicht im Bett, sondern eingeschlossen in einem Fahrstuhl. Sie haben nur einen Mantel für sie beide. Todesgefahr schweißt zusammen, weißt du? Es ist eine Nacht, die ihr Leben verändert.«
» Hör auf, bitte. Nicht schon wieder! Wenn du das tust, kann ich dich wirklich nicht mehr leiden.«
Sie drückte auf den Knopf, der die Tür öffnete. » Du solltest ein Pflaster drauf tun«, sagte sie freundlich und ging.
» Warte!« Er hielt sich an der Wand fest und presste die Hand gegen seinen Hals. » Bitte warte, nur einen Moment!«
Gegen ihren Willen blieb sie stehen und drehte sich um. Er hatte so gut geschmeckt, das zumindest war sie ihm schuldig.
» Ich muss nach Magyria«, krächzte er.
» Leg dich lieber ins Bett«, empfahl sie. » Du siehst ziemlich fertig aus.«
» Bringst du mich durch die Pforte? Durch die im Keller?«
Sie seufzte ungeduldig. Was war sie, eine Türsteherin? Aber er schaute sie so flehend an, dass es ihr schwerfiel, nein zu sagen. » Warum sagst du das denn nicht gleich?«
Sie kehrte in die Kabine zurück und drückte die Tasten.
» Eins, fünf, null, zwei«, murmelte Mattim. » Kununs geheimer Code. Du kennst ihn noch.«
» Natürlich«, sagte sie. » Es war ein unvergesslicher Tag.« Wie sie mit Kunun hinuntergefahren war… wie er so zärtlich mit ihr gesprochen hatte. Der Schal um ihren Hals, seine Hände, jede Berührung ließ sie erschauern…
Mattim beobachtete ihr Gesicht. » Ich war draußen im Hof, als ihr nach unten gefahren seid«, flüsterte er. » Als er dich wieder nach oben gebracht hat, warst du völlig durcheinander. Du hattest alles vergessen. Aber du hast deine Erinnerung wiedergewonnen. Das hast du bisher immer hinbekommen. Das war das Einzigartige an dir, dass du es jedes Mal geschafft hast, dich wieder zu erinnern. Du kannst es auch diesmal, Hanna, du musst nur darum kämpfen!«
Die Fahrstuhltür öffnete sich in den finsteren Keller. Vor ihnen lag die Pforte in den Wald von Magyria, auf der östlichen Seite des
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