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Der Turm der Seelen

Der Turm der Seelen

Titel: Der Turm der Seelen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Phil Rickman
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mitzuschreiben, weil sie mir Sachen gesagt haben, die mehr Fragen aufgeworfenals beantwortet haben. Wir hätten sie ja niemals beantworten können, nachdem sie tot und er   …»
    «Fragen?»
    «Diese Kolleginnen waren eigentlich nicht so richtig traurig über ihren Tod, wenn ich ehrlich sein soll. Sie hat für diese Personalvermittlung seit fünf Monaten gearbeitet. Am Anfang wirkte sie sehr, sehr ruhig. Sehr korrekt, sehr höflich, sie sah aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Eine von der Sorte, die am liebsten mit der Wand verschmelzen würde, wenn sie im Treppenhaus einem Mann begegnet, damit er sie nur ja nicht streift.»
    «Reden wir über dieselbe Stephanie Stock?»
    «Und wenn sie über ihren Ehemann gesprochen hat, dann hat sie ihn als so eine Art Guru hingestellt – ihr Vorbild, ihr Beschützer. Gerard hier, Gerard da, hieß es immer. ‹Oh, das weiß ich nicht, da frage ich lieber Gerard.› ‹Nein, ich glaube nicht, dass Gerard das befürworten würde.› So war sie, wenn sie überhaupt den Mund aufgemacht hat.»
    «Und was ist dann passiert?»
    «Dann hat sie sich verändert.»
    «Aber hundert Prozent, verdammt.»
    «Nicht von einem Tag auf den anderen. Es war ein schleichender Prozess. Also, für einen Boulevard-Artikel hätte ich die Mädels ungefähr so zitiert: ‹Stephanie war zuerst sehr still und unzugänglich, aber durch die Arbeit ist sie immer mehr aus sich herausgegangen, und zuletzt war sie sehr fröhlich und lebhaft und hat sich mit allen sehr gut verstanden.›»
    «Soll heißen?»
    «Sie sind doch die Geistliche, Mrs.   Watkins. Ich kann nicht   …»
    «Oh, jetzt hören Sie schon auf mit diesem Scheiß.» Merrily sah verlegen auf und warf Mr.   Shelbone ein angespanntes Lächeln zu.
    «Na gut», sagte Fred Potter. «In dem Büro arbeitet ein Typ,ein Buchhalter. Geschieden. Sportwagen. So einen gibt’s ja überall, oder? Einen, dem
keine
Frau in einem düsteren Treppenhaus begegnen will. Einen, dem die Frauen am liebsten noch selbst die Tür aufhalten, damit er schneller draußen ist. Verstehen Sie?»
    «Ja.»
    «Also, wenn’s um diesen Typen geht, werfen sich die Mädels wissende Blicke zu, obwohl ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass irgendwer dort wirklich wusste, was zwischen Stephanie und diesem sexgeilen Buchhalter gelaufen ist. Aber eine ihrer Kolleginnen hat Stephanie mittags einmal aus seinem Büro kommen sehen, und danach soll der Mann
sehr
unterwürfig gewesen sein.»
    «Mehr, als ihm guttat?»
    «Ganz anders, er schien sich richtig zu fürchten – das haben alle gesagt. Ich weiß nicht, ob sie übertrieben haben, auf jeden Fall soll er den Rest der Woche von zu Hause aus gearbeitet haben. Als ob er sich nicht mehr ins Büro traute.»
    «Ist das Ihr Ernst?»
    «Ja», sagte Fred. «Ja, das ist mein Ernst.»
    «Diese Frauen – sie haben Stephanie anscheinend nicht gemocht.»
    «Ich glaube, das ist das Mindeste, was man sagen kann. Eine von ihnen hat gemurmelt, Stephanie hätte vermutlich nicht alle Tassen im Schrank gehabt, und wer weiß, was ihr armer Ehemann alles aushalten musste, und dann hat eine andere gerufen: ‹Hey, das kommt aber nicht in die Zeitung, oder?› Und das war’s dann, da haben alle dichtgemacht. Logisch hab ich das in keinem Artikel geschrieben. Wenn man das Opfer als Schlampe hinstellt, sinkt das Leserinteresse mit einem Schlag auf null.»
    «Das heißt, die Länge des Artikels, das Honorar, hängt von   …»
    «Genau.»
    «Und was ist mit dem Geist, der in der Hopfendarre umgehen sollte? Hat Stephanie bei der Arbeit jemals darüber geredet? Siemuss doch darauf angesprochen worden sein, nachdem es sogar in
People
gestanden hatte.»
    «Irgendwer hat sie anscheinend gefragt, wie sie weiter dort wohnen könne, aber sie soll nur gelacht haben. Und dann ist sie von der Personalvermittlung zu diesem Autohändler geschickt worden, und keine ihrer Kolleginnen hat sie wiedergesehen.»
    «Wie heißt denn diese Personalvermittlung?»
    «Joanna Stokes Bureau.»
    Merrily machte sich eine Notiz. «Danke, Fred.»
    « Ich
habe zu danken», sagte er. «Ich wollte das unbedingt jemandem erzählen. Es war, als müsste ich sie mit mir rumschleppen, seit ich das alles gehört habe.» Er lachte kurz, es klang zum Teil nach Verlegenheit und zum Teil   … nach etwas anderem.
    «Es ist nicht dasselbe», sagte Merrily, «wenn man das Mordopfer gekannt hat, und sei es auch nur ganz flüchtig. Wenn es jemand ist, den man kurz vor der Tat noch gesprochen

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