Der verlorne Sohn
haben Sie den Betttuchzipfel, welchen wir draußen bei den Tannen fanden, bereits abgegeben?«
»Ja. Der Obergensd’arm hat ihn bekommen.«
»Erinnern Sie sich des Buchstabens, welcher darauf stand?«
»Ja; es war ein T.«
»Und dann erzählte ich Ihnen, daß ich das Betttuch untersucht habe, als der Waldkönig mit Hauser sprach?«
»Ja. Da haben in der Ecke die beiden Buchstaben T und M gestanden?«
»Richtig! Wir haben geforscht, wessen Namen mit T und M beginnt, aber vergebens. Jetzt haben wir es.«
»Sakkerment! Was?«
»Nun, haben Sie es nicht gehört? Therese Mothes.«
Der Alte öffnete den Mund, so betroffen fühlte er sich.
»Da schlage doch das Wetter drein!« meinte er. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Frau Seidelmann, die geborene Therese Mothes, der Waldkönig ist!«
»Nein. Aber als wir nach dem Namen forschten, haben wir gar nicht daran gedacht, daß viele Wäschestücke zur Ausstattung gehören und also mit dem Namen der Frau gezeichnet sind. Der Waldkönig hat sich eines solchen Betttuches bedient.«
»Richtig! So muß es sein, anders nicht! Daß wir auch nicht früher auf diesen Gedanken gekommen sind.«
Der Anwalt hatte unter großem Staunen diesen Reden zugehört. Jetzt nun konnte er nicht länger schweigen. Er fragte: »Verstehe ich Sie recht, Herr Arndt? Der Waldkönig hat mit Eduard Hauser gesprochen?«
»Ja.«
»Und Sie sind dabeigewesen?«
»Ja.«
»Wo und wann war das?«
»Am letzten Sonntage, im Walde, auf der Straße, welche nach dem Forsthause führt.«
»Und das erfahre ich erst jetzt und nur so nebenbei!«
»Nicht nebenbei. Ich bin vielmehr gekommen, Ihnen das Alles mitzutheilen.«
»So sprechen Sie! Sie sehen mich in einer Spannung, wie ich sie in meinem Leben noch selten empfunden habe. Sie sagten vorhin, daß Sie gekommen seien, den Waldkönig zu fangen. Sie wissen mehr, als Sie mich vermuthen ließen. Ich beginne, zu glauben, daß der Pascherkönig seine Rolle sehr bald ausgespielt haben wird.«
»Sie irren, wenn Sie von dem Pascherkönige sprechen.«
»Wie meinen Sie?«
»Man muß nicht von dem Pascherkönige, sondern von den Pascherkönigen sprechen.«
»Warum?«
»Weil es mehrere giebt.«
Der Anwalt machte ein Gesicht wie Einer, der etwas ganz und gar Unbegreifliches zu hören bekommt.
»Mehrere?« fragte er.
»Ja.«
»Ich verstehe Sie nicht. Es kann ja nur einen einzigen Pascherkönig geben!«
»Meinen Sie? Haben Sie die Thaten dieses unheilvollen Wesens mit Aufmerksamkeit verfolgt?«
»Natürlich! Es ist das ja meine Pflicht und Schuldigkeit.«
»Kennen Sie auch den Schauplatz seiner Thätigkeit?«
»Es ist die Grenze in ihrer ganzen Ausdehnung.«
»Ist Ihnen nicht zuweilen aufgefallen, daß der König an einem und demselben Tage an zwei verschiedenen Orten, welche wohl zwanzig Meilen von einander entfernt sind, gesehen worden ist?«
»Ja. Es war mir das unbegreiflich. Die niedere Bevölkerung glaubt daher, daß er hexen könne.«
»Die ganze Hexerei besteht einfach darin, daß es mehrere Waldkönige giebt. Der hiesige gehört unbedingt zur Familie Seidelmann.«
»Herr Arndt, Sie setzen mich allerdings in’s größte Erstaunen. Sie befinden sich erst seit einigen Tagen hier und zeigen sich unterrichteter als alle Grenzer und Polizisten, die bereits seit Jahren den Paschern nachgespürt haben!«
»Pah! Ich bin Polizist!«
»Und was für Einer! Die Anderen sind es auch. Ich sehe natürlich ein, daß Sie sehr guten Grund gehabt haben, mich aus dem Schlafe zu wecken. Ihr Verdacht gegen Seidelmanns erscheint mir nicht mehr ungeheuerlich. Und wie ich vermuthe, haben Sie bereits entsprechende Indicien gesammelt?«
»Sie vermuthen richtig. Ich werde Ihnen diese Indicien nicht vorenthalten. Zunächst gebe ich Ihnen die Möglichkeit an die Hand, Seidelmann als den Mörder des Grenzoffiziers, welcher am Freitag erschossen wurde, anzuklagen.«
»Herrgott! Ist’s möglich?«
»Ja. Wir haben einen Zipfel von Seidelmanns Betttuch auf dem Thatorte gefunden, und ich kann nachweisen, daß der Waldkönig, also Seidelmann, sich bei seinen nächtlichen Ausgängen stets eines Betttuches bedient.«
Er erzählte jetzt, daß er mit dem Förster nach den drei Tannen gegangen sei, um den Ort des Verbrechens zu untersuchen, und trug ihm dann seine Erklärungen vor. Der Anwalt hörte ihm in größter Spannung zu und sagte am Ende des Berichtes: »Gewiß, Sie sind ein polizeiliches Genie, Herr Arndt. Woran Keiner von uns gedacht hat, daran denken Sie
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