Der verlorne Sohn
zuerst, und dann tragen Sie das in einer Weise vor, daß man nicht nur vollständig überzeugt wird, sondern sich auch noch wundert, daß man nicht selbst sogleich darauf gelcommen ist.«
Arndt erzählte weiter. Als er so weit gekommen war, daß er mit Hauser bei der Eiche gelegen hatte, sprang der Anwalt auf und sagte: »Nein, nein! Völlig unbegreiflich! Warum ist denn Keiner von uns auf diesen Gedanken gekommen? Also dieser Bormann befand sich dort?«
»Ja.«
»Und wir haben ihn überall gesucht, nur gerade dort nicht. Haben Sie die Schrift in dem Kästchen enträthseln können?«
»Gewiß. Eduard Hauser hat mitgeholfen. Es hieß, daß man Auskunft bei Laube auf dem Schachte erhalten könne.«
»Wer ist dieser Laube?«
»Der Nachtwächter.«
Und Arndt erzählte immer weiter. Der Anwalt schien vor Erstaunen die Sprache zu verlieren. Erst als Arndt schwieg, weil er nun nichts mehr mitzutheilen hatte, sagte er: »Lassen Sie mir einen Augenblick Zeit! Was ich da höre, das ist so wichtig und kommt so unerwartet, daß ich mich erst zu fassen habe.«
Er begann seine Wanderung durch das Zimmer wieder. Endlich nahm er abermals auf dem Stuhle Platz und sagte: »Herr Arndt, ich darf nicht fragen, wer Sie sind – –«
»Ich würde es Ihnen auch nicht sagen.«
»Aber ich hoffe, daß die Zeit einmal kommt, in welcher ich es erfahren werde. Seien Sie, wer Sie wollen, das ist gewiß, daß man Ihnen großen Dank schulden wird. Das, was wir trotz aller Anstrengung nicht erreichten, das bringen Sie uns geradezu auf dem Präsentirteller herbeigetragen. Ich bin mir in Allem klar geworden und weiß, was ich zu thun habe. Vorher noch einige Fragen!«
»Ich stehe zur Verfügung.«
»Sie wissen nicht, wohin der Bormann ist?«
»Nein.«
»Der Nachtwächter Laube ist also wirklich eingeweiht?«
»Ja.«
»Sie haben den frommen Schuster gewiß erkannt?«
»Ganz gewiß.«
»Und heute auch seinen Bruder?«
»Vernehmen Sie den Pfarrer und den Gensdarmen.«
»Also der Wächter giebt das Zeichen mit einer Glocke?«
»Er muß viermal klingeln, hatte aber die Anweisung, es heute fünfmal zu thun.«
»Wie aber kommen die Seidelmanns auf den Schacht?«
»Vielleicht durch einen unterirdischen Gang.«
»Sollte es einen Stollen geben, der ihr Haus mit dem Schachte verbindet? Das ist doch kaum anzunehmen.«
»Vielleicht datirt ein solcher Stollen von einem früheren, eingegangenen Werke.«
»Möglich. Wir haben alte Zeichnungen und Sitationspläne in Masse daliegen. Ich werde einmal nachschlagen. Wann soll jener Coup ausgeführt werden?«
»Zwei Uhr nach Mitternacht am diesseitigen Ausgange des Haingrundes.«
»Ah! Wir werden dieses Mal diese Kerle ganz sicherlich ergreifen!«
»Wenn sie Ihnen entkommen, sind Sie selbst schuld.«
»Wollen Sie sich nicht betheiligen?«
»Vielleicht. Ich habe einen Ausflug nach Schloß Hirschenau vor. Kehre ich zur rechten Zeit zurück, so werde ich mich Ihnen gern anschließen.«
»Ich würde mich natürlich sehr freuen, Sie zu sehen. Aber, da fällt mir ja ein, daß ich bereits am Vormittage zu den Seidelmanns wollte!«
»Der Spitzen wegen?«
»Ja. Das werde ich nun freilich unterlassen müssen.«
»Warum?«
»Um keine Sorge bei ihnen zu erwecken.«
»Ganz recht. Wenn Sie nach den Spitzen und dem Zwirn suchen, so muß Seidelmann natürlich auf den Gedanken kommen, daß er sich in Gefahr befindet. Es läßt sich vermuthen, daß er dann den Paschercoup für die Nacht unterläßt.«
»Gewiß. Ich werde also nicht zu ihm gehen.«
»Aber nachdem Sie die Schmuggler im Haingrunde aufgehoben haben, werden Sie sich dann sofort zu Seidelmanns bemühen. Es ist mein Wunsch, daß der unschuldige Hauser möglichst bald entlassen werden könne.«
»Tragen Sie keine Sorge! Ich bin von seiner Unschuld jetzt noch mehr überzeugt als vorher und werde ihm ein Privatstübchen anweisen lassen. Er soll nicht in der Zelle bleiben.«
»Und das Engelchen?« fragte der Förster. »Die steckt auch im Loche! Was wird mit ihr?«
»Darauf kann ich genaue Antwort jetzt noch nicht ertheilen, gebe Ihnen aber die Versicherung, daß ich mein Möglichstes thun werde, ihre Gefangenschaft abzukürzen.«
»So ein gutes, braves Mädchen im Gefängnisse!«
»Sie wird ihre Lage nicht so schwer empfinden, wie Sie dieses meinen. Ich habe ihr eine Zelle angewiesen, in welcher sie passende Gesellschaft findet.«
»Passende Gesellschaft? Donnerwetter, im Loche! Welche Gesellschaft könnte das wohl sein?«
»Auguste Bey
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