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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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er.«
    »Ah, die Schreiberstochter?«
    »Ja.«
    »Auch eine Unschuldige! Himmeldonnerwetter! Wenn ich daran denke, so läuft mir die Galle über! Na, Sie können ja nichts dafür! Daran ist der Lump, der Seidelmann schuld. Aber wehe ihm, wenn ich ihn einmal so zwischen meine Fäuste bekomme! Er hat dann sicher auf dem letzten Loche gepfiffen!«
    »Sie halten also diese Beyer auch für unschuldig?«
    »Natürlich! Was soll sie denn sein?«
    »Hm? Es wird auch ihr zum Vortheile gereichen, wenn Seidelmann als Waldkönig ergriffen wird. Seine Anzeige verliert dann den größten Theil ihrer Glaubhaftigkeit.«
    »So machen Sie nur auch, daß Sie ihn wirklich bekommen!«
    »Darüber brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Herr Arndt hat mir Alles so ausführlich erzählt, daß ich meine Vorbereitungen auf das Vortrefflichste einzuleiten vermag. Werden auch Sie mit dabei sein, Herr Wunderlich?«
    »Ich möchte wohl.«
    »Gut! Um zwei Uhr kommen die Pascher. Gerade um Mitternacht werde ich im Forsthause eintreffen, um zu sehen, wer von Ihnen sich mir anschließen mag. Ich bin so aufgeregt, daß ich nicht mehr schlafen kann. Ich bleibe gleich wach, um meine Arrangements zu treffen. Sie aber werden der Ruhe bedürfen. Ich kann Sie nicht länger aufhalten.«
    »Na, ich bin einverstanden. Ich muß zwar ohne den Hauser fort, aber er wird wohl bald nachkommen. Gute Nacht!«
    Der Anwalt geleitete sie selbst bis an die Thür. Er wunderte sich nicht wenig, als er das Hundefuhrwerk erblickte.
    »Sie sehen, wozu sich ein Polizist verstehen muß,« lachte Arndt. »Das ist heute meine Amtsequipage.«
    »Aber ein tüchtiges Gespann!« sagte der Förster. »Ehe wir die Hand umdrehen, werden wir zu Hause sein!«
    Eine Minute später flogen sie davon, wie von der Gewalt eines Sturmes getrieben. – –

Zweites Kapitel
Schlagende Wetter
    Bei der Ankunft im Gerichtsgebäude, an welchem sich das Gefängniß befand, hatte der Staatsanwalt dem Wachtmeister die beiden Gefangenen mit einer leisen Weisung übergeben, und sich dann entfernt. Der Wachtmeister warf einen theilnehmenden Blick auf sie und sagte dann: »Kommen Sie mit mir. Ich habe den Befehl erhalten, Ihnen Ihre Lage möglichst zu erleichtern. Sie werden gute Zellen erhalten.«
    Engelchen wurde der Wachtmeisterin übergeben. Sie erhielt von derselben einen warmen Kaffee und die Beruhigung: »Seien Sie nicht bange, mein Kind! Es ist schon Mancher gerechtfertigt von hier fortgegangen, den seine Mitmenschen zu früh verurtheilt hatten. Weshalb hat man Sie denn eigentlich hierher gebracht?«
    Statt der Antwort liefen dem Mädchen die Thränen über die jetzt erbleichten Wangen.
    »Fassen und beruhigen Sie sich! Eigentlich darf ich solche Fragen gar nicht stellen; aber ich weiß, daß Mittheilung das Herz erleichtert. Wessen wird man Sie anklagen?«
    »Mein Gott, mein Gott! Ich glaube, des Mordversuches!«
    »Des Mordversuches? Ah! Das ist schlimm!«
    Sie betrachtete das Mädchen mit dem forschenden Blick einer Kennerin und sagte dann:
    »Aber das begreife ich nicht. Sind Sie denn –«
    Engelchen erhob den Blick fragend zu ihr, und dieser Blick war so rein und unschuldig, daß die Frau gleich fortfuhr: »Nein, das ist es nicht! Einen Geliebten haben Sie nicht!«
    »O doch!«
    »Wirklich? Hm! Und – und wohl auch – ein Kindchen?«
    Engelchens Gesicht überzog sich mit einer tiefen Gluth.
    »Nein, nein!« lautete die rasche Antwort.
    »Ich dachte, weil Sie von einem Mordversuche sprachen.«
    »Ein Kind morden? O Himmel, das könnte ich nicht!«
    »So haben Sie einen Erwachsenen tödten wollen?«
    »Ich wollte nicht, es kam ohne Absicht; ich war so fürchterlich aufgeregt.«
    »Aber er ist nicht todt?«
    »Nein. Ein Schrotkorn hat ihn am Ohre gestreift.«
    »So haben Sie auf ihn geschossen? Wohl auf den Geliebten? Aus Eifersucht?«
    »Nein. Mein Geliebter ist mit hier – der Bursche, welcher mit mir gekommen ist. Der, auf welchen ich geschossen habe, wollte mich zwingen, seine Geliebte zu werden.«
    »Ach so! Nun verstehe und begreife ich Alles! Sie Ärmste! Na, Sie können versichert sein, daß Ihre Strafe recht gelind ausfallen wird. Wer ist es denn, auf den Sie geschossen haben?«
    »Fritz Seidelmann.«
    »Der? Wegen dem auch die junge Beyer hier ist?«
    »Ja, derselbe. Sie ist unschuldig; alle Leute wissen und sagen das.«
    »Sie ist wohl eine Freundin von Ihnen?«
    »Ja. Wir sind miteinander confirmirt.«
    »Schön! Da werde ich Sie Beide zusammen thun. Kommen Sie!«
    Sie führte sie nach

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