Der verlorne Sohn
einem verschlossenen Corridore, auf welchen zu beiden Seiten die Zellen mündeten. Sie öffnete eine desselben und sagte hinein: »Schlafen Sie?«
Es wurde ihr keine Antwort.
»Sie bekommen eine Gesellschafterin!«
Auch jetzt blieb es still.
»Kommen Sie heraus, und helfen Sie ihr den Strohsack hineintragen!«
Aber drinnen in der Zelle rührte sich nichts.
»Sie redet nicht und thut nichts als weinen,« flüsterte die Wachtmeisterin. »Vielleicht ist es ein Glück für sie, daß Sie kommen. Jetzt müssen Sie sich das Schlafzeug selbst hinein tragen.«
An der Thür lag ein Strohsack und eine wollene Decke, die Letztere allerdings nicht hinreichend bei dieser winterlichen Kälte. Engelchen trug Beides in die enge Zelle. Da lag bereits ein Strohsack auf dem Fußboden und darauf eine in die Decke eingehüllte Gestalt, welche das Gesicht nach der Wand gewendet hatte und sich nicht bewegte.
So viel erblickte Engelchen beim Scheine der Laterne, welche die Wachtmeisterin in der Hand trug. Sie machte sich ihr Lager so gut wie möglich fertig, und dann wurde ihr von der Frau eine »gute Nacht« geboten. Die Thür ging zu. Angeln kreischten, Riegel klirrten; dann war es still.
In der Zelle war es dunkel. Engelchen wickelte sich in die Decke und weinte leise vor sich hin. Wie ganz anders lag es sich doch daheim im warmen Bette! Nach und nach beruhigte sie sich, und ihre Thränen hörten auf zu fließen.
Nun aber beängstigte sie die tiefe Stille. Sie lauschte. Kein Athemzug war zu hören. Es war wie im dunklen Grabe, gerade als ob die andere Gefangene todt sei. Es überkam sie ein Grauen. Sie fürchtete sich, und darum nahm sie sich vor, die peinigende Stille zu unterbrechen.
»Gustel!« flüsterte sie.
Es wurde ihr keine Antwort.
»Gustel!« wiederholte sie nach einer Weile, und zwar lauter.
Ihr Ruf hatte ganz denselben Erfolg, nämlich keinen.
»Beyers Gustel!« rief sie zum dritten Mal. »Schläfst Du denn gar so tief?«
Da regte es sich drüben, und eine leise Stimme fragte:
»Wer bist Du denn?«
»Kennst Du mich nicht?«
»Nein.«
»Es war ja Licht hier! Du hast mich wohl gar nicht angesehen?«
»Nein.«
»Ich bin Hofmanns Engelchen.«
Da gab es drüben ein Geräusch, als ob Jemand rasch emporfahre, und dann sagte eine hastige Stimme:
»Das Engelchen? Ist’s wahr? Ist’s möglich?«
»Ja, ich bin es.«
»Herr Jesus Christus! Ja, Du bist es! Jetzt erkenne ich Dich an der Stimme! Ganz gewiß bist Du unschuldig, geradeso wie ich! Wegen wem bist Du denn da«
»Wegen dem Fritz Seidelmann.«
»Wegen dem auch? Engelchen, ich bin vor Schreck ganz starr. Wie kannst Du wegen dem gefangen sein?«
»Ich habe auf ihn geschossen!«
»Geschossen? Mein Herr Jesus! Warum denn?«
»Er hat den Hauser’s Eduard angezeigt und gesagt, daß er der Waldkönig sei. Sie haben den Eduard gefangen genommen und auf ihn geschossen, so daß er ganz blutig war. Ich bin dazu gekommen, und die Grenzer standen dabei. Da weiß ich nicht, wie es gekommen ist. Ich habe das Gewehr eines Grenzers genommen und auf den Seidelmann abgedrückt.«
»Herrgott! Und hast Du ihn erschossen?«
»Nein. Er ist nur am Ohre gestreift.«
»Allen Heiligen sei Dank! So bist Du also keine Mörderin?«
»Nein. Aber man hat mich dennoch wegen Mordversuch arretirt und hierher geschafft.«
»Das ist gar traurig. Aber warum hat denn Seidelmann den Eduard für den Pascherkönig ausgegeben?«
»Um ihn zu verderben. Seidelmann wollte nämlich – – –«
Sie stockte. Auguste Beyer fragte:
»Was wollte er?«
»Mich. Ich sollte seine Geliebte sein.«
»Du? Er wollte Dich etwa heirathen?«
»Er sagte es.«
»Glaube es ihm nicht, Engelchen! Glaube es ihm um Gottes willen nicht. Er will Dich nur verführen und unglücklich machen, ganz so, wie er es bei mir gemacht hat.«
»Ich habe es ihm auch nicht geglaubt. Er hat gemerkt, daß ich dem Eduard gut bin, und darum hat er ihn verderben wollen.«
»So bist Du jetzt wohl Eduard’s Schätzchen geworden?«
»Ja.«
»Das ist gut; das ist schön! Den Eduard gönne ich Dir. Er ist ein guter, braver und ehrlicher Bursche, und Du wirst mit ihm glücklich werden. Also geschossen haben sie auf ihn! Was ist dann mit ihm geworden?«
»Er ist auch eingesperrt.«
»Auch gefangen? Wohl gar hier?«
»Ja. Wir sind zusammen hergeschafft worden.«
»Welch’ eine Schlechtigkeit! Er ist sicher unschuldig! Darauf kann man getrost zehn Eide schwören. Habe keine Sorge. Seine Unschuld wird an den Tag
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