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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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würde Dir schon Muth machen. Der hat eine felsenfeste Zuversicht und ist in der Bibel und im Gesangbuche zu Hause. Weißt Du, was er Dir sagen würde?«
    »Was?«
    »Wo soll ich hingehen vor Deinem Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesichte? Führe ich gen Himmel, siehe, so bist Du da; bettete ich mich in die Hölle, siehe, so bist Du auch da; nähme ich Flügel der Morgenröthe und bliebe am äußersten Meere, so würde doch Deine Rechte mich führen und Deine Hand mich halten! – Gott ist also im Himmel; er ist in der Hölle; er ist am äußersten Meere; er wird also auch hier in der dunklen Zelle bei Dir sein!«
    Es war wirklich so Etwas wie Nachbar Hauser’s Geist über Engelchen gekommen. Sie war selbst gefangen; aber sie fühlte, daß ihre Freundin noch unglücklicher sei, und hielt sich verpflichtet, sie zu trösten.
    »Ja; Gott kann helfen – wenn er will!« seufzte Gustel vor sich hin.
    »O, er kann nicht nur, sondern er will auch! Weißt Du, was Hauser Dir noch sagen würde?«
    »Noch einen Bibelvers.«
    »Oder einen Liedervers. Etwa:
     
    Hoff, o bedrängte Seele,
    Hoff, und sei unverzagt!
    Gott wird Dich aus der Höhle,
    Da Dich der Kummer plagt,
    Mit großen Gnaden rücken.
    Erwarte nur die Zeit,

So wirst Du schon erblicken
    Die Sonn’ der schönsten Freud!«
     
    Die Sprecherin hörte, daß Gustel noch immer weinte; aber dieses Weinen war ruhiger geworden. Dann erklang es von drüben herüber: »Und doch kommt Gott nicht mehr vom Himmel auf die Erde herab, wie es nach der Bibel früher geschehen sein soll!«
    »Aber er machte seine Boten zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen!«
    »Das heißt; er schickt irdische Helfer.«
    »Ja. Nimm Dir nur einen tüchtigen Advocaten an! Ich habe gehört, daß man keinen Unschuldigen ohne Advocaten und Vertheidigung verurtheilen darf.«
    »Das hat mir auch der Wachtmeister bereits gesagt. Aber was kann mir das für später helfen? Ob ich verurtheilt werde oder nicht, so komme ich doch nach Hause, wo sie bereits so elend sind. Und dieses Elend wird durch mich nur noch schlimmer. Denke Dir, was ich erwarte! O Gott, das Kind – – das Kind!«
    Und wieder begann sie zum Erbarmen zu schluchzen. Engelchen fühlte das tiefste Mitleiden. Sie sagte sich, daß Gustel sich ganz besonders fürchte, ihren armen Eltern zur Last zu fallen, und daß es vielleicht besser sei, ihr die Wahrheit zu sagen. Darum entfuhr es ihr: »Du brauchst Dir wegen zu Hause keine Sorge zu machen!«
    »Keine? Das ist ja meine größte Sorge! Was soll werden, wenn auch ich noch komme, und – nicht ich allein!«
    »Du wirst den Eltern nicht beschwerlich werden.«
    »Nicht? Wieso?«
    »Deine Mutter ist – liebe Gustel, Du wirst doch nicht darüber erschrecken?«
    Da fuhr die Genannte von ihrem Lager empor und sagte:
    »Erschrecken? Gott, was meinst Du! Was werde ich hören? Was ist geschehen, daß ich darüber erschrecken könnte?«
    »Hast Du es wirklich noch nicht erfahren?«
    »Was denn? Ich weiß nichts, gar nichts. Ich weiß nur, daß der Vater entlassen ist.«
    »Wer hat es Dir gesagt?«
    »Der Actuar und der Wachtmeister.«
    »Und sie haben Dir weiter nichts gesagt?«
    »Nein.«
    »Von Deiner Mutter?«
    »Nein, kein Wort! Was ist mit ihr? Engelchen, mach schnell! Sage es mir! Herr Jesus! Der Gensd’arm war bei uns. Ich sollte gestohlen haben! Mutter war so sehr krank. Sie hat gehört, daß man mich und den Vater fortgeschafft hat, und da – da – Engelchen, sag’s! Sie ist noch kränker geworden?«
    »Ja, liebe Gustel!«
    »Nicht nur kränker geworden! Sie ist sogar gestorben, gestorben vor Schreck und Herzeleid?«
    Engelchen antwortete auf diese Frage nicht, darum fügte ihre Freundin noch hinzu:
    »Gestehe es nur! Sie ist todt! Nicht wahr?«
    »Ja,« erklang es leise und zögernd.
    Engelchen hatte erwartet, daß ihre Mitgefangene nun in laute Klagen ausbrechen werde; aber das geschah nicht, sie blieb ruhig; sie ließ keinen Laut hören. Es trat eine tiefe Stille ein, welche umso bedrückender umso beängstigender wirkte, je länger sie dauerte. So vergingen fünf Minuten, zehn Minuten, ja wohl eine ganze Viertelstunde. Engelchen lauschte angestrengt; aber es war nicht das Geringste zu hören. Da wurde es ihr bange und immer banger, sie konnte es nicht mehr aushalten und sagte, leise rufend: »Gustel!«
    Sie erhielt keine Antwort.
    »Gustel! Hörst Du mich?«
    Jetzt war nur ein leises Rascheln des Lagers zu hören.
    »Gustel, antworte! Mir wird es sonst ganz

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