Der verlorne Sohn
bis es wieder Tag geworden ist.«
»Das kann ich nicht; das ist ganz unmöglich! Engelchen, wenn Du wirklich meine Freundin bist, so laß Dich erbitten!«
»Du Ärmste! Wie dauerst Du mich! Aber ich habe Sorge, daß Du wieder laut sein wirst.«
»Nein; ich werde ganz leise sprechen. Was Du mir noch sagen wirst, das kann nicht so schrecklich sein wie das, was ich bereits gehört habe. Also, mein Vater ist wirklich auch todt?«
»Ja, er ist gestorben.«
»Aber er war ja gar nicht krank. Was ist denn die Ursache seines Todes gewesen?«
»Das kann ich Dir auch nicht sagen. Man hat ihn erst gefunden, als er bereits todt war.«
»Wo?«
»Auf dem Kirchhofe!«
»Auf dem Kirchhofe! Herr, mein Gott! Ist es wahr?«
»Ja. Deine Mutter lag im Leichenhause. Der Todtengräber kam früh, um das Grab zu graben, und da fand er Deinen Vater bei Deiner Mutter.«
»To-o-odt?« erklang es stockend.
»Ja. Denke Dir nur! Er war entlassen worden, hatte sich aber gar nicht sehen lassen. Er saß bei Deiner Mutter und hatte sie in den Armen.«
»Mein Vater! Mein lieber, lieber, armer Vater! Ich weiß nun, woran er gestorben ist!«
»Woran?«
»Vor Jammer und – vor Kälte!«
»Es ist so rührend gewesen. Sie haben Herz an Herz gelegen. Man hat da so recht deutlich sehen müssen, wie lieb sie einander gehabt haben!«
»Ja, lieb haben sie sich gehabt! Lieb haben wir uns Alle gehabt. Es hat bei uns Beides gegeben: Viel Liebe und viel Elend!«
Ihre Stimme erstarb in einem Schluchzen, dem man es anhörte, daß es nur mit allergrößter Anstrengung unterdrückt wurde. Sie hätte vor Herzeleid laut hinaus schreien mögen. Sie warf sich auf dem Lager hin und her; sie biß in die Decke, um ihren Kummer nicht laut werden zu lassen. So verging eine längere Zeit, bis sie fragte: »Sind sie begraben?«
»Heute noch nicht.«
»Wann denn!«
»Morgen am Vormittage. Die Mutter hätte nach dem Gesetze heute begraben werden müssen; aber weil die Zeit bei Deinem Vater erst morgen um ist, und weil Beide in ein und dasselbe Grab kommen sollen, wartet man bis morgen.«
»Morgen früh!« hauchte sie.
Engelchen bekam wieder Sorge. Sie bat:
»Sei ruhig! Fasse Dich! Es ist ein großes, großes Leid; aber Du wirst es mit Gottes Hilfe verwinden!«
»Morgen früh! Und ich stecke hier! Ich kann nicht mit!«
»Bete recht herzlich zu Gott, liebe Gustel! Das wird Dich ganz sicher beruhigen.«
»Morgen früh! Man wird sie einscharren! Man wird fragen, wo ihre Tochter ist, und man wird antworten: ›Sie ist eine Diebin und steckt im Gefängnisse. Sie hat gestohlen, und darum mußten diese Beiden sterben, die Eine vor Schreck, und der Andere vor Seelenschmerz und Kälte!‹«
»Nein, nein! Das wird man nicht sagen! Bitte, mache Dir keine solchen entsetzlichen Gedanken!«
»Morgen früh! Und ich bin nicht dabei! Ich werde sie nicht wiedersehen, den Vater nicht und die Mutter nicht, niemals, niemals! Herr, mein Gott! Was habe ich denn gesündigt, daß Du das über mich schickst! Könnte ich noch einmal die Stimme der Eltern hören und ihnen noch einmal in das Gesicht sehen! Könnte ich noch einmal ihnen die kalten Hände drücken, nur noch ein einziges Mal, und ihnen eine Blume in das Grab nachwerfen, eine Blume, eine einzige, kleine, arme Blume! Aber ich liege hier, und morgen wirft man die Erde auf sie. Dann sind sie weg, fort; Herr, mein Heiland, wie soll ich das ertragen!«
Engelchen hielt es für das Beste, Nichts zu sagen. Von dem anderen Lager erklang ein herzbrechendes Stöhnen, leise, immer leiser – dann war es still.
Bald lag Engelchen im Schlafe; aber die Sterne, welche zu dem schmalen, niedrigen Loche hereinblickten, welches hier Fenster genannt wurde, schauten auf ein Menschenkind, welches sich ruhelos auf dem Strohsacke hin und her wälzte, und dessen Inneres so vom Schmerz erschüttert und zerrissen wurde, daß die Gestalt sich dann plötzlich erhob und sich vor das andere Lager niederkauerte.
»Engelchen!«
Die Angerufene erwachte. Sie konnte sich nicht sofort orientiren, wo sie sich befand. Sie erschrak. Der Schein der Sterne fiel auf eine Gestalt, welche vor ihr hockte.
»Mein Gott! Wer ist das?« fragte sie.
»Ich, Beyers Gustel!«
Jetzt erst erinnerte sich Engelchen, daß sie nicht zu Hause sei, sondern sich bei der Freundin in der Zelle befinde.
»Was willst Du?« fragte sie.
»Du hast ihn nicht ermordet?«
»Ermordet? Wen denn?«
»Seidelmann!«
»Ach so! Nein. Ich habe Dir ja bereits gesagt, daß ihn der Schuß nur
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