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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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meine Schwieger-sondern meine rechte Mutter! Die Cigarren haben mir sehr gut geschmeckt! Nicht?«
    »Sie sagten es, und das freute mich sehr.«
    »Und dabei hungerten Sie?«
    »Sie gingen früh eine halbe Stunde aus, und da wurde stets eine Cigarre geraucht. Ich saß daheim und dachte daran, wie gut sie Ihnen schmecken würde.«
    »Ja, ja! Ich that nur so! Ich habe nicht geraucht.«
    »Nicht? Wirklich?« fragte sie erstaunt.
    »Nein, keine einzige. Ich habe sie verkauft, drei Kreuzer das Stück; das macht einundzwanzig Kreuzer. Dafür kaufte ich die Brodchen, von denen ich hier das letzte habe. Wir haben also sieben Kreuzer eingebüßt.«
    Trotz dieser letzten Worte lächelten sie einander ganz glücklich an.
    »So ist es, wenn man Geheimnisse hat,« sagte die Schwiegermutter. »Man hat allemal Verlust dabei. Aber die Cigarren kosteten achtundzwanzig Kreuzer; ich behielt also zwei übrig, und diese habe ich am Sonntag in die Kasse der Brüder und Schwestern der Seligkeit gegeben.«
    »Das Scherflein der Wittwe, welches tausendfach vergolten wird, wie Christus sagt. – Wenn es wahr wäre!«
    Er trat abermals an das Fenster. Sie folgte ihm, legte ihm die Hand wieder auf den Arm und sagte:
    »Werden Sie zu Seidelmann gehen?«
    Da gab er ihr die Hand und antwortete:
    »Sie sind so opferfreudig, daß ich mich nicht beschämen lassen kann. Es ist ein saurer Gang, aber ich werde ihn doch thun.«
    »Wann?«
    »Jetzt gleich. Das wird am Besten sein.«
    »Thun Sie das. Der liebe Gott wird das Herz des reichen Mannes lenken, daß er Ihren Wunsch erhört!«
    Wilhelmi griff zur Mütze und ging. Der ältere Seidelmann befand sich in seinem Bureau. Er machte ein erwartungsvolles Gesicht, als er den Musterzeichner eintreten sah.
    »Bringen Sie die neuen Muster?« fragte er.
    »Noch nicht. Sie werden erst morgen früh fertig.«
    Sofort verfinsterte sich das Gesicht des Kaufmannes.
    »So haben Sie wohl eine Frage in Bezug auf die Zeichnung?«
    »Eine Frage? Ja. Aber in anderer Beziehung.«
    »Reden Sie!«
    »Heute ist mein ältestes Kind gestorben, Herr Seidelmann –«
    »Seien Sie froh! Das ist ein wahres Glück für Sie!«
    Es war Wilhelmi, als ob er den Sprecher beohrfeigen müsse; aber er beherrschte sich und sagte:
    »Sie haben vielleicht Recht. Und doch kommt mir dieser Todesfall höchst ungelegen.«
    »Wieso?«
    »Weil mit ihm Geldausgaben verknüpft sind, denen ich gerade heute noch nicht gewachsen bin!«
    »Ah so!« dehnte Seidelmann, indem er seine Stirn in sehr bedenkliche Falten zog.
    »Die Frau liegt mit den anderen Kindern schwer an den Blattern darnieder; man will leben und braucht theure Medizin. Morgen früh bringe ich die Muster. Heute aber brauche ich auf das Nöthigste zwei Gulden. Würden Sie mir diese vorschießen, Herr Seidelmann?«
    »Nein,« lautete es kurz und scharf.
    »Sie sind Ihnen doch sicher!«
    »Sie sind mir bereits zwei schuldig.«
    »O, Sie sind reich. Ihnen ist es ganz gleich, ob Sie mir morgen zwei Gulden oder vier abzuziehen haben!«
    »Nein, das ist mir ganz und gar nicht gleich! Da irren Sie sich! Ein Geschäftsmann muß ganz streng nach gewissen Grundsätzen handeln. Weicht er davon ab, so hat er es stets zu bereuen.«
    »Ich bin mir nicht bewußt, Ihnen je einmal Grund zur Reue gegeben zu haben.«
    »O doch, mein Bester!«
    »Wann wäre das gewesen?«
    »Jetzt, heute! Sie wissen, daß es mein Grundsatz ist, niemals Gehaltszulage zu geben, und ebenso wenig pflege ich Vorschüsse zu leisten. Ich habe mich verleiten lassen, bei Ihnen eine Ausnahme zu machen, und – sehen Sie wohl – sofort tritt die Reue ein! Ich gab Ihnen zwei Gulden, und anstatt mich zu bezahlen, kommen Sie und verlangen einen zweiten Vorschuß. Das ist sehr auffällig, mein Lieber! Wenn ich das einreißen ließe, kämen Sie gar nicht aus den Schulden heraus. Sie sehen ein, daß ich um Ihres eigenen Wohles Ihnen die Bitte abschlagen muß.«
    »Aber, Herr Seidelmann! Die Leiche im Hause, die Kranken! Sodann diese Kälte! Ich brauche den kleinen Betrag, bei Gott, zur allerhöchsten Noth!«
    »Das verfängt bei mir nicht! Ich kenne das! Ihr Leute befindet Euch stets in der allergrößten Noth, und dabei denkt Ihr unausgesetzt, daß wir nur da sind, Euch fort und fort aus dieser Noth zu befreien. Ich kann Euch nur den sehr gut gemeinten Rath geben, Eure Einkünfte besser zusammen zu halten.«
    »Zehn Gulden in zwei Wochen! Nennen Sie das Einkünfte?«
    »Wie sonst? Fünf Gulden wöchentlich ist für Sie genug!«
    Der

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