Der verlorne Sohn
Musterzeichner mußte seine ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um scheinbar ruhig zu bleiben. Er trat einen Schritt zurück und fragte: »Es ist also Ihr unerschütterlicher Entschluß, mir den erbetenen Vorschuß zu verweigern?«
»Ja.«
»Nun wohl, so schreite ich zu einer zweiten Bitte.«
»Noch eine! Sie wird doch nicht etwa mit der ersten Ähnlichkeit haben?«
»Leider doch!«
Und indem er weiter sprach, vermochte er nicht, das Zittern seiner Stimme, welches eine Folge seiner gewaltsam unterdrückten Aufregung war, ganz zu verbergen.
»Herr Seidelmann, Sie kennen mich. Es kann mir kein Mensch etwas Unrechtes nachsagen –«
»Bis jetzt noch nicht!« fiel ihm der Kaufmann in die Rede.
»Ich glaube, daß es auch in Zukunft so bleiben wird. Ich habe stets ein reges Ehrgefühl besessen, und war ich einmal in Noth, so ließ ich es keinem Menschen merken. Ich habe noch Niemand angebettelt. Mein ganzes Wesen sträubt sich dagegen; heute aber ist mir das Wasser bis an den Hals gestiegen, und darum will ich einmal gegen meinen Character handeln.«
»Thun Sie das nicht! Unterlassen Sie das lieber!« sagte Seidelmann, der nichts Erwünschtes ahnte.
»Ich muß es thun. Ich bin Familienvater.«
»Ich auch.«
»Aber es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen uns: Sie sind reich, und ich bin arm. Sie verweigern mir den Vorschuß. Würden Sie mir auch eine kleine Unterstützung, eine Liebesgabe verweigern?«
»Eine Unterstützung? Donnerwetter, wie meinen Sie das?«
»Ein Geschenk, meine ich. Ich bitte Sie, mir die zwei Gulden zu schenken, da es gegen Ihr Prinzip ist, sie mir vorzuschießen.«
»Ah! Sie betteln!«
»Ja, wenn Sie es so nennen wollen.«
»Das ist stark. Das ist mehr als stark!«
»Aber wohl verzeihlich!«
»Nein. So etwas kann ich weder dulden noch verzeihen.«
»Herr Seidelmann, die Noth ist viel, viel wichtiger, als der Wille des Menschen!«
»Das ist nicht wahr. Der Wille eines charactervollen Mannes muß stärker sein als alle Noth. Glauben Sie etwa, daß ich Leute beschäftige, welche betteln?«
»Darauf weiß ich nicht zu antworten.«
»Aber ich. Die Antwort lautet: Wenn Jemand, der bei mir in Dienst oder in Arbeit steht, sich nicht zu betteln schämt, so entlohne ich ihn. Lassen Sie sich das gesagt sein! Uebrigens habe ich für Supplikanten kein Geld!«
»Nun gut! So will ich meine Bitte auch gar nicht an Ihren Geldschrank richten sondern –«
»Wohin denn, he? Wenn ich nämlich fragen darf.«
»An die andere Kasse, welche Sie in den Händen haben.«
»Welche wäre das?«
»Die Kasse des Vereins der Brüder und Schwestern der Seligkeit, Herr Seidelmann.«
»Sapperment! Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?«
»Er liegt sehr nahe. Der Verein hat doch auch den Zweck der Unterstützung Bedürftiger.«
»Allerdings.«
»Ich wende mich jetzt als ein solcher Bedürftiger an den Verein.«
»Da dürfen Sie Ihr Gesuch nicht an mich richten.«
»An wen denn?«
»An den Vorsteher.«
»Also an Ihren Herrn Bruder?«
»Ja.«
»Ich hoffe, daß er mich nicht abweisen wird. Und selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wird er Ihnen als seinem Bruder sicher keine Vorwürfe machen, wenn Sie so freundlich sind, einmal zu meinen Gunsten zu disponiren.«
»Das geht nicht! Ich habe zwar die Kasse, darf Zahlungen aber nur auf Anweisung des Vorstehers leisten.«
»Ist der Herr Vorsteher verpflichtet, über seine Disposition Rechenschaft abzulegen?«
»An wen?«
»An die Vereinsmitglieder?«
»Wo denken Sie hin! Das ist ja ein Ding der Unmöglichkeit! Aber, da fällt mir ein: Haben Sie mit zu dieser Kasse gesteuert?«
»Nein.«
»Sie haben wohl an unserer Versammlung am Sonntage gar nicht mit theilgenommen?«
»Auch nicht.«
»So sind Sie also kein Mitglied unseres Vereines?«
»Ich bin allerdings nicht beigetreten.«
»Ah! So ist es! Da brauche ich Ihnen nur mitzutheilen, daß Sie absolut Nichts bekommen können.«
»Warum nicht?«
»Weil nur Vereinsmitglieder unterstützt werden. Das können Sie sich doch denken!«
»So muß ich mich allerdings bescheiden, Herr Seidelmann. Aber, ob dann morgen meine Arbeit fertig wird, kann ich nicht sagen.«
»Warum sollte sie nicht fertig werden?«
»Weil ich nicht eher nach Hause gehe, als bis ich irgendwo die zwei Gulden erhalte. Da versäume ich viel Zeit.«
»Gehen Sie zu Ihrem Bruder.«
»Der ist so arm wie ich.«
»Ein Müller, der seine eigene Mühle hat?«
»O, seit der Baron von Helfenstein ihm die große Dampfmühle in
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