Der verlorne Sohn
er dabei seinen forschenden Blick durch das Zimmer gleiten ließ, ohne sofort zu sprechen, stieß der Lieutenant ungeduldig hervor: »Ich glaube, bereits gefragt zu haben, ob Sie in einer privaten Angelegenheit kommen.«
»Ein wenig privat, mehr noch aber amtlich.«
»Ah! Was hätte ich mit der Civilbehörde zu thun?«
»Ich möchte Sie gern ersuchen, mir einige Fragen zu beantworten, Herr Lieutenant.«
»Die hoffentlich keine müßigen sein werden!«
»O, man ist gewöhnt, den Fragen diejenige Form zu geben, welche ihrem Zwecke entspricht. Waren Sie vielleicht gestern in der Vorstellung des Residenztheaters?«
Der Lieutenant biß sich in den Bart. Der junge Assessor zeigte ein so kaltes, sicheres, überlegenes Wesen, daß der Offizier sich höchst unangenehm berührt fühlte. Er antwortete daher in scharfem Tone: »Sind Sie gekommen, um mich zu fragen, ob ich das Theater besuche, Herr Assessor?«
»Ja. Daher erlaube ich mir diese Erkundigung.«
»Nun, dann hätten Sie nicht nöthig gehabt, mich zu incommodiren. Ich bin nicht gewöhnt, fremden Leuten Rechenschaft über die Art und Weise, in welcher ich meine freie Zeit verwende, abzulegen. Ich spreche niemals solche müßige Fragen aus und werde sie ebenso wenig beantworten, wenn sie an mich gerichtet werden.«
»Ich denke, daß Sie mir dennoch Antwort geben werden!«
»Auf solche Fragen nicht.«
»Ich bemerkte bereits, daß ich in amtlicher Angelegenheit komme. Meine Frage wurde also keineswegs aus dem Grunde privater Neugierde ausgesprochen.«
»Dann ersuche ich Sie, mir den amtlichen Grund zu nennen, bevor ich sie beantworte.«
»Ich komme, um amtlich zu erfahren, ob Sie im Residenztheater waren, also fragte ich. Sind Sie befriedigt?«
»Und warum wollen Sie das wissen?«
»Bitte, bitte! Ich komme, um Fragen auszusprechen, nicht aber solche an mich richten zu lassen!«
»Nun, so sind wir mit einander fertig! Ich werde eben nicht antworten, Herr Assessor!«
Er erhob sich von seinem Stuhle. Der Assessor that dasselbe, warf einen halb verächtlichen, halb mitleidigen Blick auf den Lieutenant und meinte in ruhigem Tone: »Ganz so, wie Sie es wünschen, Herr von Scharfenberg! Da ich aber meine Fragen dennoch beantwortet haben muß und zwar zu der Zeit, die mir gefällig ist, so bitte ich um die Erlaubniß, mich für einen Augenblick hier Ihres Schreibzeuges bedienen zu können.«
Er zog einen Zettel, der sichtlich ein gedrucktes Formular enthielt, aus der Tasche, nahm die Feder, tauchte ein, füllte die Lücken des Zettels aus und gab den Letzteren dem Lieutenant.
»Hier, bitte, Notiz davon zu nehmen!«
Scharfenberg las, trat einen Schritt zurück und sagte:
»Wie? Ein Bestellzettel in’s Bezirksgericht?«
»Wie sie sehen!«
»Und zwar bestellen Sie mich zu sich selbst?«
»Weil ich mit dieser Angelegenheit betraut wurde.«
»Und zwar augenblicklich, ohne Verzug?«
»So ist es.«
»Bei Vermeidung der Arretur?«
»Ich glaube, zu dieser verschärften Form berechtigt zu sein.«
»Herr! Sie vergessen, daß ich Offizier bin!«
»Eben, weil ich Ihren Stand berücksichtigte, bemühte ich mich zu Ihnen. Da Sie aber den meinigen vernachlässigen, so bemühe ich nun Sie zu mir.«
»So aber behandelt man nur Verbrecher!«
Der Assessor zuckte mit der Achsel und fügte hinzu:
»Verbrecher und Individuen, welche sich weigern, dem Gesetz die schuldige Achtung zu zollen.«
»Ah! Sie nennen mich Individuum!«
»Ich sprach im Allgemeinen. Uebrigens enthält dieses Wort keineswegs eine Beleidigung. Es bedeutet Einzelnwesen, und das sind Sie ebenso, wie ich es bin. Ich hoffe, Sie in spätestens zehn Minuten bei mir zu sehen. Adieu!«
Er schritt nach der Thür. Jetzt begann der Lieutenant doch, den Ernst der Situation zu begreifen. Er sagte:»Aber, zum Kukuk, ist diese Angelegenheit denn eine gar so wichtige?«
»Das werden Sie erfahren!«
»Bitte, bleiben Sie! Ich halte es allerdings für besser, die Unterhaltung hier zu beenden.«
»Daran thun Sie wohl!«
Er nahm ebenso ruhig wieder auf seinem Stuhle Platz, wie er von demselben aufgestanden war und fuhr fort: »Also, bitte, waren Sie im Theater?«
»Müssen Sie denn dies gerade so absolut wissen?«
»Ja.«
»Nun gut, ich war da.«
»Wie hat Ihnen die Leda gefallen?«
»Hm! Nicht zum Besten! Abgestandene Waare!«
Der Assessor zuckte bei dieser frivolen Antwort die Achsel und fuhr in ruhigem Tone fort:
»Hatten Sie sie schon einmal gesehen?«
»Nein.«
»Wirklich nicht?«
»Nein. Sie trat
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