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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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eines Mordes, welcher vor einundzwanzig Jahren begangen wurde – – unglaublich, unglaublich!«
    »Bitte, behalten wir unsere Fassung! Sie wollten wissen, wen Sie heute bei mir sehen werden. Sie werden endlich noch Alle sehen, welche damals bei Brandt’s Verurtheilung in irgendeiner amtlichen Weise thätig waren.«
    Jetzt öffnete der Gerichtsrath wirklich den Mund, so erstaunt, ja fast bestürzt war er.
    »In Wirklichkeit?« fragte er.
    »Ja, natürlich.«
    »Aber, Durchlaucht, ich darf doch sagen, daß eine solche Zusammenkunft, eine so ungewöhnliche, außerordentliche Veranstaltung auf ganz eigenthümliche und ebenso gewisse Gründe und Absichten schließen läßt.«
    »Allerdings, Herr Gerichtsrath.«
    »Bitte, bitte, nennen Sie mir diese Absichten!«
    »Ich habe Ihnen bereits eine, die einzige genannt: Wir wollen uns ein wenig über jene früheren Zeiten unterhalten.«
    »Nein, das ist es nicht. Unterhalten? Das ist zu allgemein. Sie haben etwas Besonderes, Bestimmteres vor.«
    »Ich will Ihnen den Gefallen thun, dies einzugestehen. Uebrigens aber ersuche ich Sie, Geduld zu haben.«
    »Noch eins: Wissen die erwähnten Herren, daß sie wegen Brandt zu Ihnen kommen sollen?«
    »Nein?«
    »Weiß Einer von dem Anderen, daß sie sich bei Ihnen treffen werden, Durchlaucht?«
    »Auch nicht. Also kommen Sie um acht Uhr und bringen Sie den Herrn Assessor von Schubert mit.«
    »Ich werde bis dahin keine Ruhe haben. Das will ich Ihnen aufrichtig gestehen.«
    Der Fürst ging. Er nahm eine Droschke und ließ sich nach der Wohnung Alma’s von Helfenstein fahren. Im Vorzimmer fand er Magda Weber, welche ja seit ihrer Errettung aus dem Hause der Melitta in Rollenburg im Dienste der Baronesse stand. Sie theilte ihm mit, daß ihre Herrin zum Oberst von Hellenbach auf Besuch gefahren sei. In Folge dessen blieb ihm nichts übrig, als sich ebenfalls dorthin zu begeben.
    Er fand nur Familienzirkel vor und wurde mit herzlicher Freude empfangen. Die bleichen Wangen der Baronesse Alma rötheten sich, als sie ihn erblickte. Der Oberst streckte ihm in seiner biederen Weise die Hand entgegen und sagte:»Willkommen, Durchlaucht! Wissen Sie, daß wir Ihretwegen uns in großer Sorge befunden haben?«
    »Das thut mir leid, wirklich leid!«
    »Und doch sind Sie selbst schuld daran. Sie lassen sich nicht sehen und wenn nicht Herr Bertram zuweilen käme, um uns zu sagen, daß Sie noch leben, so hätten wir längst denken müssen, daß Sie zu Ihren Vätern versammelt worden seien.«
    »Dann verzeihen Sie! Also Robert kommt oft, wie ich jetzt höre, Herr Oberst?«
    »Ja. Seit neuerer Zeit hat er begonnen, mit unserer Fanny zu musiciren. Dieser junge Mann ist von der Natur sehr reich ausgestattet. Immer neue Talente entdeckt man an ihm. Jetzt singt er wie ein Kammervirtuos. Darf ich Durchlaucht vielleicht einladen, mit uns zu soupiren?«
    »Ich danke! Für die Zeit des Soupers bin ich beschäftigt.«
    »Ah, pah! Fräulein von Helfenstein hat auch zugesagt.«
    »Und doch komme ich nur in der Absicht, gerade diese Dame Ihnen zu entführen.«
    »O weh! Ich hoffe, daß sie sich nicht entführen läßt!«
    »Und ich hoffe das grade Gegentheil. Gnädige Baronesse, darf ich annehmen, daß meine Bitte Erhörung findet?«
    Diese Frage war an Alma gerichtet. Ihr Auge richtete sich forschend auf ihn und sie fragte: »Vielleicht darf ich vorher erfahren, wohin ich eigentlich entführt werden soll.«
    »Zu mir.«
    Diese Antwort brachte Aufsehen hervor. Noch Niemand war bei dem Fürsten gewesen, von dessen glanzvoller Einrichtung man sich so Außerordentliches erzählte.
    »Zu Ihnen selbst?« sagte der Oberst. »Ah, Fräulein von Helfenstein, da dürfen wir Sie freilich nicht zurückhalten. Sie haben Kunstgenüsse zu erwarten, um welche wir Alle Sie sehr, sehr beneiden.«
    Der Fürst schüttelte sehr ernst den Kopf und bemerkte:
    »Von Genüssen wird wohl kaum die Rede sein. Es handelt sich vielmehr um etwas sehr –«
    Er hielt inne, blickte nachdenklich im Kreise umher und fuhr dann fort:
    »Da kommt mir allerdings ein Gedanke. Wollen Sie uns vielleicht begleiten, Herr von Hellenbach?«
    »Ich, ich?« fragte dieser erstaunt.
    »Ja.«
    »Sapperlot! Was soll denn Saul unter den Propheten? Haben Sie etwa Empfangsabend?«
    »Ja.«
    »Nun, so laden Sie lieber meine Frau und Tochter ein. Diese Beiden passen besser zu Fräulein von Helfenstein als ich.«
    »Für heute doch nicht. Es handelt sich um ein Thema, welches so ernst ist, daß ich die Damen nicht mit

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