Der Wanderchirurg
Ignacio.
»Es gibt«, schrie Vitus in höchster Qual, »drei Arten der Kräutertrankbereitung: Mazerat, Infus und Dekokt.«
Sein Kopf fiel kraftlos nach vorn. Dann bäumte er sich wieder auf. »Der Mazerat ist der Kaltansatz, die Kräuter werden mit kaltem Wasser übergossen ... Dann lässt man sie eine oder mehrere Stunden ziehen ... Nach dem Abfiltern erfolgt die Erwärmung auf Trinktemperatur. Der Infus ist die am häufigsten ...«
»Nunu, weiter!«
»Jawohl, Hochwürden.«
»Aaaaahhh! ... Der Infus ist die am häufigsten verwendete Trankzubereitung!« Seine Stimme wurde heiser, die Bekämpfung der Schmerzen kostete übermenschliche Kräfte. Krächzend stammelte er weiter:
»Dabei werden die Kräuter ... mit kochendem Wasser übergossen ... bei Kräutern mit öligem Aroma ... muss der Aufguss abgedeckt werden ... die Stoffe ... sonst ... sich verflüchtigen ...«
»Halte ein, Nunu!« Ignacio blickte fragend auf Pater Alegrio, der wie gebannt dasaß. Auch Don Jaime wirkte verstört.
»Er ist tatsächlich wirr im Kopf«, stellte Ignacio fest.
»Bist du es, Satan, der aus diesem armen Körper spricht?«
Aus dem Angeklagten drang kein Laut.
»Seid Ihr Hochwürden Gonzalode Ignacio!« Eine fremde, befehlsgewohnte Stimme ließ ihn herumfahren. In der Tür zum Gang stand ein unbekannter Wachsoldat. Er trug einen prächtigen eisernen Helm mit rotem Federbusch, Jacke und Hose wiesen breite gelbe und blaue Streifen in Längsrichtung auf. Er verharrte in militärischer Haltung.
»So ist es. Und wer seid Ihr?«, fragte Ignacio unwillig zurück. Dies war der denkbar schlechteste Zeitpunkt für eine Unterbrechung.
»Mein Name ist Gotthardt Fietler von Bernershofen, ich bin stellvertretender Kommandant der Schweizergarde Seiner Heiligkeit des Papstes in Rom. Ich bitte um Entschuldigung für die Störung, Hochwürden, aber ich habe eine Botschaft von äußerster Dringlichkeit für Euch.«
Er verbeugte sich knapp und übergab Ignacio eine Schriftrolle. Ignacio nahm sie.
»Danke, Ihr könnt gehen.«
»Bedaure, Hochwürden, aber ich habe Order, mich davon zu überzeugen, dass Ihr das Schriftstück lest. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr es gleich jetzt tätet.«
»Das ist doch die Höhe!«, entfuhr es Ignacio. »Wer wagt es, mich ...«, doch unversehens beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Rasch erbrach er das päpstliche Siegel und entrollte das Schriftstück, während er an die Fackel herantrat, um den Inhalt besser lesen zu können. Alegrio beobachtete ihn neugierig. Es war mehr als ungewöhnlich, dass der Vollzug der Folter unterbrochen wurde. Hier musste ein ganz besonderer Grund vorliegen, zumal die Botschaft Gregors XIII. durch einen Offizier der Schweizergarde überbracht wurde. Er sah, wie der Inquisitor schon nach den ersten Zeilen stutzte. Sein Körper spannte sich. Seine Bewegungen wurden unsicher. Ignacio hob den Kopf. »Don Jaime, äh ... ich fürchte, Ihr müsst die Folterung ohne meine Anwesenheit fortsetzen. Als Vertreter der weltlichen Macht könnt Ihr
...«
»Aber wieso denn, warum denn?« Der Alcalde wirkte erschreckt.
»Nun, äh ... ich bekomme hier eine Botschaft, nach der ich mich mit Pater Alegrio unverzüglich an einen bestimmten Ort zu begeben habe. Der Befehl duldet nicht den geringsten Aufschub.«
»Ich soll mit Euch gehen?«, fragte Alegrio entsetzt. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Er hatte sich doch nichts zu Schulden kommen lassen!
»Um der Barmherzigkeit Jesu willen, was steht in dem Schreiben, Hochwürden?«
»Ich kann Euch nur so viel sagen, dass Ihr mich zu begleiten habt.«
»Jawohl, Hochwürden.« Pater Alegrio fügte sich in das Unvermeidliche.
Ignacio bemühte sich um Haltung. Der Soldat stand noch immer in der Tür und wartete.
»Habt Ihr nicht gesehen, dass ich das Schreiben gelesen habe?«, fragte er scharf.
»Das habe ich, Hochwürden.«
»Und worauf wartet Ihr dann noch?«
»Auf Euch und den Pater. Meine Vorgesetzten meinten, es sei besser, ich würde Euch meinen Begleitschutz anbieten.«
»Ahem, ja. Natürlich.« Ignacio schluckte. »Pater Alegrio, wir gehen.«
»Augenblick, Augenblick!« Don Jaime erhob sich umständlich. »Wenn Ihr geht, komme ich mit! Ihr könnt nicht erwarten, dass ich die Folter allein fortsetze ...«
Er hielt inne, denn er spürte, wie hilflos seine Worte wirkten.
»Allein schon wegen der Inquisitionsprozessordnung, die vorschreibt, dass dabei das Gericht vollzählig anwesend sein muss!« Froh, dass ihm diese Begründung
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