Der wilde Tanz der Seidenröcke: Roman
Andeutungen hinaus, ich wollte ja die Gesellschaft weder ermüden, noch wollte ich Noémies großartiger Pantomime die Wirkung stehlen.
Mein Solo war das letzte, danach wurde die Musik plötzlich ausgelassen und kündigte ein glückliches Ende unserer Qualen an. Das Herz der Grausamen schmolz, sie ergaben sich, und die Paare vereinten sich mit allen Zeichen der Freude.
Der König erkannte Noémie und mir den Preis zu, undspontan wie er war, rief er uns nicht erst zu sich, sondern stieg behenden Schrittes herab in den Saal, überreichte mir die Börse und küßte Noémie auf beide Wangen. Diese Küsse blieben ihr fürs ganze Leben die bewegendste Erinnerung und ihre höchste Ehre. Der König kehrte zurück auf seine Estrade, ich beugte vor meiner Tänzerin das Knie und bot ihr vor aller Augen die Börse dar, die sie ohne viel Federlesens nahm: meine Geste erhielt großen Applaus, besonders von seiten der Damen. »Das habt Ihr gut gemacht, mein Sohn«, sagte mein Vater. »Ihr seid ein Dummkopf, Söhnchen«, sagte Madame de Guise. »Fünfzig Ecus sind kein Pappenstiel. Und was habt Ihr davon, daß Ihr Euch derart großmütig gegen eine Ehrenjungfer zeigt?«
La Surie hatte den guten Einfall gehabt, mir meinen Schemel zu hüten, während ich mit der Sobol die Courante tanzte, und überließ mir freundlich den Platz, als ich zu meiner Pflanze zurückkehrte. Mir war, ehrlich gesagt, weniger überdrüssig als schläfrig zumute, wie ich schon sagte, und sowie La Surie mich verließ, wäre ich zu gerne eingeschlafen, gleich so im Sitzen, die Beine langgestreckt, den Rücken an der Wandbespannung. Aber leider machte mir Monsieur de Réchignevoisin als stummer Bote Ihrer Hoheit von weitem ein nicht zu übersehendes Zeichen. Madame de Guise erwarte mich in ihrem Zimmer bedeutete er mir. Ich lief hin, und als ich die Hand hob, um an der Tür zu kratzen, ging diese auf, und meine Patin erschien, einen Finger vorm Mund.
»Psst!« flüsterte sie und schloß hinter sich die Tür. »Da drinnen schläft dieser große Bengel von Joinville auf meinem Bett, das Gesicht ganz verheult. Lassen wir ihm seine Alpträume: er hat sie sich verdient. Hundertmal habe ich ihm gesagt, er soll die großen Titten in Ruhe lassen! Und wie kommt er dazu, dieser semmelblonden Trine von Moret ein Eheversprechen zu machen? Da geht er nun in die Ödnis von Saint-Dizier für wenigstens ein Jahr. Aber glaubt Ihr, das wird ihm eine Lehre sein? Herrgott, meine Söhne bringen mich noch um. Der Erzbischof ist der leibhaftige Schmetterling, der Chevalier ein kompletter Schafskopf, und der Herzog träumt von großen Sachen, dabei hat er weder Geld noch Freunde, noch Truppen, noch überhaupt das Talent, sie zu kommandieren. Ach, Söhnchen! Zufrieden bin ich nur mit Euch.«
Nichtsdestoweniger schalt sie mich, daß ich der Sobol die hundert Ecus gelassen hatte, wie ich bereits sagte, und fuhr mit ihrer gewohnten Drastik in dem Tugendkapitel fort.
»Aber daß Ihr Euch ja hütet, Söhnchen, meine Ehrenjungfer anzutasten! Ich würde es nicht dulden! So grün Ihr noch seid, hat sie sich nur zu bald in Euch verguckt, zumal Ihr mit den Mädchen dieselbe neckende Art habt wie Euer Vater. Da braucht es nur einen Funken, und dieser Rotschopf steht in Flammen. Hört auf mich! Ich will das auf keinen Fall. Ihr wollt mir doch nicht ins eigene Haus einen kleinen Bastard setzen? Ihr würdet meinen Haß kennenlernen!«
Als ich Monate später an diese Reden zurückdachte, fand ich, daß meine liebe Patin längst nicht so wachsam war, wie sie es hätte sein müssen. Hätte sie mich sonst von der Sobol im Nachtgewand wecken lassen, damit ich ihr über ihre Schlaflosigkeiten hinweghelfe? Das hieß doch recht unbesonnen handeln und den Zunder ein bißchen nahe an den Feuerstein halten. Zumal Zeit und Ort sich äußerst günstig darboten, weil Noémie mich jedesmal in die alte Kemenate zurückzugeleiten hatte, wenn Madame de Guise endlich in Schlummer sank. Alles schien dazu angetan, uns in Versuchung zu führen: eine gemütliche kleine Kammer, das Licht nur eines Leuchters, die trauliche Stille der Nacht, unsere leichte Gewandung. Natürlich hätte Noémie mich an der Schwelle verlassen können, doch war sie eine sehr höfliche Person: sie trat mit mir ein und schloß vor Zerstreutheit hinter uns die Tür und ganz zufällig auch den Riegel. Hierauf machte sie Anstalten, im Innern des Gefängnisses, das sie so fein hergestellt hatte, mich zu fliehen und sich gegen mich zu wehren, noch
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