Der Wolf aus den Highlands
Arme lockernd, drückte er sie mit seinem ganzen Körper gegen die Tür. Doch rasch wurde ihm klar, dass das ein Fehler war. Sobald sein Körper mit ihr in Berührung kam, entflammte das Verlangen in ihm. Es durchströmte ihn mit jedem Herzschlag und erinnerte ihn daran, wie lange es her war, seit er solche Bedürfnisse gestillt hatte.
Er verzog das Gesicht. Am liebsten hätte er eilig die Flucht angetreten, doch sein Verstand drängte ihn, die Wahrheit zu erkennen: Es war nicht nur das blinde Verlangen nach einer Frau, das ihn vor Lust ganz benommen machte; es war sie, ihr Duft, ihre nachtblauen Augen, ja selbst der Klang ihrer Stimme. Und auch, wie sie seine so ernste und wachsame Meggie zum Lächeln und Kichern bringen konnte.
Er drängte die verzehrende Leidenschaft beiseite und musterte Annoras Gesicht.
Beinahe hätte er grinsen müssen. Als er sie packte, war sie erstarrt wie ein verängstigter Vogel. Er wusste, dass sie mit Gewalt gerechnet hatte und sich wahrscheinlich sogar auf Schmerzen eingestellt hatte; doch offenbar hatte sie gemerkt, dass er sie nicht so grob behandeln würde. Darüber freute er sich, aber dass sie schlimme Dinge erwartet hatte, erzürnte ihn und machte ihn traurig. Er beschloss, dass es wohl am ratsamsten war, sich auf die Verärgerung und Empörung in ihrem hübschen Gesicht zu konzentrieren. Allerdings war ihm klar, dass es ein Fehler wäre, ihr zu sagen, sie sähe hinreißend aus, wenn sie wütend war; denn die Frauen in seiner Pflegefamilie, der Famile Murray, hatten ihm in dieser Hinsicht viel beigebracht.
»Also, habt Ihr vor, Euren Herrn auf mich zu hetzen?«, fragte er noch einmal.
»Warum? Habt Ihr etwas getan, was Dunncraig schaden könnte?«
Ihm fiel auf, dass sie nicht von einem Schaden für MacKay gesprochen hatte. »Nein. Ich habe mich nur gefragt, warum der Mann mich so stattlich entlohnt für geschnitzte Kamineinfassungen und hübsche Möbel, wenn die Leute im Dorf kurz vor dem Verhungern sind.«
»Dieses Rätsel lässt sich leicht lösen. Der Narr findet, es stehe ihm zu, wie ein König zu leben. Alles, was hier angebaut, gemacht oder verdient wird, soll einzig und allein seiner Annehmlichkeit dienen. Ihr weilt seit zwei Wochen in diesem Keep, und davor habt Ihr im Dorf gelebt, da hättet Ihr wahrhaftig nicht hier herumzuschnüffeln brauchen, um diese bittere Wahrheit herauszufinden.«
Annora spürte, wie sich ihr Atem beschleunigte, als Rolf sich noch ein wenig fester an sie presste. Sie spürte auch, dass er die Wahrheit sagte, aber nicht die ganze Wahrheit. Außerdem spürte sie, dass er für Dunncraig und die Menschen, die hier lebten, keine Bedrohung darstellte. Wenn er eine Bedrohung für Donnell und seine Spießgesellen war, sollte ihr das egal sein. Es beunruhigte sie nicht weiter. Was sie hingegen beunruhigte, war sein Verlangen nach ihr, und als er sich noch näher an sie drängte, spürte sie sogar den Beweis. Dass ihr die Gefühle gefielen, die dabei in ihr aufstiegen, wunderte sie allerdings, ja, es machte ihr richtig Angst.
»Ich werde Donnell nichts sagen, Ihr könnt mich also ruhig loslassen«, sagte sie, froh, dass sie so ruhig klang, während sie innerlich bebte.
»Seid Ihr sicher, dass ich Euch loslassen soll?« James drückte einen sanften Kuss auf ihre Stirn. Er spürte, wie sie ein wenig erzitterte. »Ich glaube nicht, dass ich das will. Ich glaube, ich werde Euch küssen.«
»Ich glaube nicht, dass das klug ist.«
»Vielleicht habt Ihr recht, aber in diesem Augenblick ist mir das gleichgültig. Ich möchte nur …«
Bevor sie etwas sagen konnte, verschloss sein Mund ihre Lippen. Er war weich und warm. Sie konnte sein Verlangen schmecken, und sie spürte, wie es in sie floss und ihre Lust entfachte.
Ihr war, als entblöße er einen Moment lang sein Herz und seine Seele vor ihr; seine Gefühle vermischten sich mit den ihren und verstärkten sie. Der Mann hatte sehr starke Gefühle, und nicht alle davon waren gut, aber sein Verlangen nach ihr war echt. Annora wusste zwar, dass das Verlangen eines Mannes ein oberflächliches und flüchtiges Gefühl sein konnte, doch sie zögerte nicht, die Lippen zu öffnen, als er sachte an ihrer Unterlippe nagte.
Als seine Zunge in ihre Mundhöhle eindrang, warf sie alle Vorsicht über Bord und schlang die Arme um seinen Hals. Es war ihr egal, ob sein Verlangen oberflächlich, tief oder sogar gefährlich war. Sie wollte nur noch, dass er nicht aufhörte, sie zu küssen.
Er zog sie ungestüm an
Weitere Kostenlose Bücher