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Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Titel: Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gesa Schwartz
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    »Ich will es gar nicht so genau wissen«, grummelte Kaya, die aufgeplustert neben dem Feuer hockte. »Als wenn das nicht schon schlimm genug gewesen wäre. Irgendwo in die Dunkelheit hat er uns geschleudert. Die Hölle weiß, wo wir gerade sind.«
    Carmenya verschränkte die Arme vor der Brust. »Das will ich nicht hoffen. Aber ich weiß es, und … «
    »Wunderbar«, unterbrach Avartos sie. »So, wie Ihr von den Fallen gewusst habt und von glühenden Findlingen. Nur von Eurem jähzornigen Vater hattet Ihr keine Ahnung! Einige von uns sind verwundet worden, das Ganze hätte übel ausgehen können!«
    Er wollte noch mehr sagen, aber da legte Noemi die Hand auf seinen Arm. Ihre Wunde heilte rasch unter seinem Zauber. »Es geht schon besser«, sagte sie. »Manchmal ist es gut, jemanden in der Nähe zu haben, der sich aufs Heilen von Engelszaubern versteht. Diese Kälte war schwer zu ertragen.« Sie zog die Hand zurück, aber ein leises Lächeln glitt über ihr Gesicht und vertrieb die Härte aus Avartos’ Zügen. Erst als Kaya laut nieste, wandte der Engel sich ab.
    »Und wo genau sind wir jetzt?«, fragte er ruhiger. Er sah sich in dem niedrigen Gang um, der aus feuchtem, glänzendem Stein bestand, und half Noemi auf die Beine.
    »Immer noch in den Katakomben«, erwiderte Carmenya und befahl das Feuer in ihre Faust. »Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Aber hier wimmelt es nur so von … nun, wir sollten nicht länger als unbedingt nötig hierbleiben.«
    Mit diesen Worten ging sie den Gang hinauf. Nando eilte ihr nach. »Warum hat Hadros das getan?«, fragte er. »Warum hat er uns nicht einmal angehört?«
    Er bemerkte erst jetzt, dass Carmenyas Gesicht auffallend bleich war. Trauer stand in ihren Augen. »Er hat euch erkannt«, erwiderte sie. »Und es ist, wie ich es euch sagte: Er hat sich noch nie viel um andere geschert. Ich weiß nicht, warum er sich damals in die Schatten zurückzog, aber eines ist sicher: Er hat es nicht grundlos getan, und seither erreicht ihn die Welt nicht mehr.«
    Nachdenklich schaute Nando ins Feuer. Die Worte Kolkrinors gingen ihm durch den Kopf. Hadros stellte sich Askramar entgegen, hatte der Weiße Krieger gesagt. Er bezwang ihn und bewahrte uns vor der Finsternis, und doch … In dem Moment, da sich die Tore des Turms hinter ihm schlossen, haben wir ihn verloren. Was auch immer damals im Turm Aeresons geschehen war – hatte es Hadros so sehr verändert, dass es keinen Weg mehr für ihn gab, zu seiner einstigen Stärke zurückzukehren? Unwillig schüttelte Nando den Kopf. Nein, das konnte nicht wahr sein. Zu deutlich sah er den strahlenden Engelskrieger vor sich, zu eindringlich hörte er die Zeilen der Lieder, die in der Schattenwelt über ihn gesungen wurden. »Aber er ist der mächtigste Jäger aller Zeiten. Wie kann er zusehen, was mit der Welt geschieht? Und wenn er mich hasst wie die anderen Engel – wieso hat er mich dann nicht getötet und dem Teufel zumindest in naher Zukunft eine Befreiung verwehrt? Wieso ist ihm das alles so gleichgültig?«
    Er hatte sie selbst gehört, die Verzweiflung in seiner Stimme, und er rechnete damit, jeden Augenblick von Avartos dafür getadelt zu werden. Doch der Engel sprach leise mit Noemi, er schien Nandos Worte nicht gehört zu haben. Kaya hingegen nickte zustimmend, und Carmenya blieb mit einem tiefen Seufzer stehen. »Menschensohn«, sagte sie, und es klang nichts Herablassendes in ihrer Stimme mit. »Er ist ein uralter Engel, und er hat mehr gesehen, als du dir jemals erträumen wirst. Kein Sterblicher kann ermessen, welches Licht, welche Finsternis ein Krieger wie er durchlitten hat, und niemals wird einer von uns begreifen, wie einsam es ist jenseits der Welt, aus der wir gekommen sind. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, denn unser letztes Zusammentreffen liegt sehr weit zurück. Aber diese Begegnung zeigt eines ganz deutlich: Hadros Baldur Ragnarvar, den Krieger meines Volkes, gibt es nicht mehr.«
    »Nein«, flüsterte Nando. »Das ist nicht wahr.« Er spürte die Hoffnungslosigkeit in Carmenyas Blick und weigerte sich doch, sie hinzunehmen.
    »Ich verstehe deine Verzweiflung«, erwiderte sie ruhig. »Aber dein Weg endet hier. Hadros wird dir die Hilfe nicht gewähren, die du dir wünschst. Und nun lass uns gehen. Es ist gefährlich in diesen Gängen, wir sollten zurückkehren in die Oberwelt. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit.«
    Damit wandte sie sich erneut zum Gehen, aber Nando rührte sich nicht von der Stelle.

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