Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
begannen sie sich zu bewegen. Nando zog die Arme an den Körper, immer enger wurden die Lücken, die er durchfliegen musste, und plötzlich wurden die Stimmen des Abgrunds wieder lauter. Schnell zog er die Schwingen an und raste durch die letzte Lücke des tödlichen Netzes. Er streifte eine Scherbe mit dem rechten Flügel, der Schmerz zog stechend bis in seinen Rücken, und sofort drangen zwei Stimmen durch die Kälte seiner Konzentration. Seine Mutter. Sein Vater. Entschlossen ballte er die Fäuste. Er würde sich nicht von einem lächerlichen Zauber aus dem Konzept bringen lassen!
Er verstärkte das Licht in sich und ließ die Stimmen seiner Eltern davon fressen. Als er auf dem dünnen Seil landete, fühlte er das Blut, das über seine Haut rann, aber er achtete nicht darauf. Stattdessen nahm er das Surren der Speere hoch über sich wahr, die bei der kleinsten unbedachten Bewegung auf ihn niederstürzen würden. Die Luft vibrierte unter seinen Schritten, er musste sich langsam bewegen, vorsichtig und … Ein Lachen flog durch die Luft. Gleißend traf es seinen Wall aus Licht und schlug eine Kerbe hinein wie von einem Messerhieb. Nando hielt inne, mit aller Kraft drängte er die Empfindung zurück, die ihn nun anflog, aber da glitt etwas über seine Stirn – eine Hand. Er sah seine Mutter vor sich, so deutlich, als stünde sie noch einmal an seinem Bett wie damals, als er noch ein Kind gewesen war. Er schwankte kurz, ehe er das Bild zerreißen konnte, eine Regung wie ein Flüstern, aber stark genug, um die Luft aufzuwirbeln bis hinauf zu den Speeren.
Sie erzitterten in einem Ton wie ein höhnisches Lachen und schossen auf ihn nieder. Im letzten Moment erhob er sich in die Luft und wich ihnen aus, doch sie formten sich noch im Flug zu entstellten Schemen und griffen nach ihm. In rasender Geschwindigkeit entfachte er zwei Dolche in seinen Händen, drehte sich um die eigene Achse und zog sie ihnen durch die Kehlen. Schwarz war ihr Blut, aber ehe es seine Haut berührte, verwandelte es sich in Asche. Er landete auf dem Seil, den Kopf tief geneigt, die metallene Hand nach den Schatten unter ihm ausgestreckt, als wären sie nicht mehr als ein eisiger Boden aus Stein. Sein Atem ging schnell, aber er spürte auch die Genugtuung in seinen Gliedern, als er den Kopf hob und Hadros auf der anderen Seite erkannte. Er war nicht mehr weit entfernt. Nando breitete die Schwingen aus, schoss durch die Pfähle dahin, als wäre sein Körper nicht mehr als ein Nebelstreif, und lachte lautlos. Hatte der Jäger tatsächlich geglaubt, ihn so leicht besiegen zu können? Zur Hölle noch eins, er war der Sohn des Teufels! Er hatte Bhrorok bezwungen und zahllose andere Schergen des Teufels, er würde …
Es war kein starker Schmerz. Im ersten Moment meinte er, von einem Splitter der Pfähle getroffen worden zu sein, aber dann spürte er es: das Gift, das sich über seine Schulter ausbreitete und seine Schwingen lähmte. Gewaltsam spannte er die Flügel, aber er war zu langsam, seine Schwingen versagten. Im letzten Moment gelang es ihm, die Kante einer der eiskalten Schollen zu packen und sich an ihr hinaufzuziehen. Das Gift drang unaufhaltsam in seine Glieder vor, sein Heilungszauber konnte den Prozess kaum verlangsamen. Erst jetzt sah er die fast durchscheinenden Samenkörner, die allenthalben in der Luft standen und ihn verwundet hatten. Er musste sich beeilen, um auf die andere Seite zu gelangen, bevor er die Kontrolle über seinen Körper verlieren würde. Seine Flügel hingen nutzlos wie nasses Papier von seinem Rücken, schwer durchzog das Gift seine Gedanken und schickte dunkle Schleier vor seinen Blick. Er schlug in die Luft, zu spät erkannte er, dass er nichts als eine Illusion gesehen hatte. Nando kniff die Augen zusammen und breitete die Arme aus, um das Gleichgewicht zu halten. Der Boden unter ihm knackte bereits. Keuchend stieß er sich ab und landete auf der nächsten Scholle. Wieder schob sich ein Schemen vor seinen Blick, der auch nicht verschwand, als er sich über die Augen fuhr. Verflucht, Hadros hatte ihn vergiftet, er musste sich zusammenreißen. Er würde … Sein Gedanke wurde leiser und stürzte ab, ehe er ihn beenden konnte, denn in diesem Moment erkannte er, dass es kein Schemen war. Es war eine Gestalt mit dunklen Haaren und warmen braunen Augen. Mara schwebte vor ihm in der Luft, aber etwas war mit ihrem Gesicht … Ihre Haut begann sich zu verändern, erst jetzt bemerkte Nando die Flammen auf ihrem Leib und
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