Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
im Gold seiner Augen, nur halb verdeckt von der Sorge um Noemi, glomm Schmerz auf. Es war ein Schmerz, der Avartos niemals mehr verlassen würde, das ahnte Nando – der Schmerz eines Engels, der das Licht verraten hatte.
16
Der trübe Schein der Laternen lag auf der Via Appia wie auf einem Geheimnis. Fuhrwerke hatten vor über zweitausend Jahren tiefe Rillen in die Königin der Straßen gegraben, und Nando meinte, das Blut und den Schweiß der Menschen riechen zu können, die vor so langer Zeit die halb zerfallenen Gebäude an ihren Rändern errichtet hatten. Die Steine waren warm unter seinen Füßen, und für einen Moment erschienen sie ihm wie der Teil einer Zauberstraße, die Vergangenheit und Zukunft mit den verborgenen Orten der Gegenwart verband.
»Ja, das kann sie«, murmelte Avartos. »Aber du wirst klug genug sein, um zu wissen, dass es Orte gibt, die wir nicht besuchen sollten – und dieser gehört dazu.«
Nando zog die Schultern an. Avartos hatte seit ihrer Flucht aus der Engelstadt kaum ein Wort gesagt, und seine Stimme klang so eisig wie der Wind, der mit einem Kratzen die Blätter über das Pflaster trieb. Noch immer zeigte das Gesicht des Engels keine Regung. Es war, als hätte Avartos das Bild seines Vaters in der Kälte seines Inneren zu Staub zerrieben. Erst jetzt, da er die Straße verließ und seinen Weg über ein Feld fortsetzte, glühten seine Augen in dunklerem Gold auf, ein untrügliches Zeichen tiefer Konzentration. Sie erreichten ein kleines Wäldchen, die Bäume standen ungewöhnlich dicht, und eine seltsame Anspannung herrschte im Unterholz. Kaya fröstelte auf Nandos Schulter, und als sie am Waldrand stehen blieben und auf die düstere Ebene eines aschefarbenen Ackers schauten, hörte Nando das Wispern, das unheilvoll über den kargen Boden strich. Stimmen waren es, unverständlich und leise und doch deutlich genug, um einen Schauer über seinen Rücken zu schicken. Es waren keine lebendigen Klänge, die über die Stoppeln dieses Ackers gingen, und kaum dass der Gedanke sich in ihm verfestigte, drehte Noemi die Handflächen nach vorn. Ihr Haar flatterte im Wind.
»Ein Friedhof«, flüsterte sie. »Ich kann die Toten spüren, die in dieser Erde liegen.«
Avartos wandte sich zu ihnen um. Etwas wie Spott lag auf seinen Zügen, ein eisiges Glühen der Verachtung, mit der so viele Engel auf die Ehrfurcht der Sterblichen blickten, ohne sie doch ganz begreifen zu können.
»Frieden werdet ihr hier vergebens suchen«, sagte er. Er ging in die Knie, und als er die Hand in den Boden grub und dunkle Erde durch seine Finger rieseln ließ, trieb der Wind die Schleier durch die Luft und formte Gesichter daraus, schreiende, weinende, sterbende Gesichter inmitten einer tobenden Schlacht. Nando konnte das Krachen der Zauber hören und den Donner der Hufe, er roch sogar das Glühen des Metalls, als die flammenden Schwerter aufeinandertrafen, und kurz brachen die Umrisse eines schwarz gewandeten Dämons vor ihm auf, beide Fäuste gen Himmel gestreckt, das weiße Haar im Sturm seiner Flüche wehend. Um ihn herum rasten Engel und Dämonen mit aller Gewalt gegeneinander an, und er hörte einen Ruf durch die Nacht klingen – leise zunächst und doch so durchdringend, dass er jedes andere Geräusch übertönte. Nando erkannte ihn genau, diesen Schrei aus uralten Flüchen, er hatte zu viele Geschichten darüber gelesen, als dass es anders hätte sein können. Das Horn Arron war es, das er hörte, der Ruf der Schatten aus den Tiefen der Welt, der seit jeher die mächtigsten Dämonen in die Schlacht führte, und er fühlte den Namen seines letzten Trägers auf den Lippen . »Askramar«, raunte er. Der Name grollte über das Feld wie ein Fluch und nahm jedes Bild mit sich. »Hier also tobte die Schlacht von Aereson.«
Avartos nickte langsam und erhob sich. Sein Blick glitt über den Acker. »Vor langer Zeit bezwang Hadros mit seinen Kriegern den Hexenmeister, brannte seine Festung nieder und verwandelte die einstigen Felder in Kar’tas Imnir – den Acker aus Asche.«
»Askramars Schergen stürzten mit ihrer Niederlage in die Finsternis«, murmelte Kaya. »So erzählt man es sich in meinem Volk. Und auch die gefallenen Engel liegen bis heute in dieser Erde, gefangen von der Bosheit dieses Ortes, die kein Licht entkommen lässt, das sie einmal in den Klauen hatte.«
»Dieser Ort ist verflucht«, erwiderte Avartos. »Die Schlacht um Aereson hat tiefe Narben im Angesicht der Welt hinterlassen, und weder
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