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Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Titel: Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gesa Schwartz
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Noch immer spürte er den Schmerz in seinen Gliedern, und er brauchte einen Moment, um vollends zu Bewusstsein zu kommen. Er lag auf kaltem Stein, metallene Streben hielten seine Hände neben seinem Körper gefesselt und hatten sich so eng um seinen Brustkorb geschlossen, dass ihm das Atmen schwerfiel. Er spürte den Wind, der spöttisch über seine Finger strich, den Bannzauber, der über der Geige lag – und das leichte Pulsen eines Herzschlags ganz in seiner Nähe.
    Nando , raunte er und hörte gleich darauf das Rascheln von Stoff wenige Armlängen von ihm entfernt. Das Stöhnen des Teufelssohns klang heiser und verursachte ein Echo. Offenbar befanden sie sich in einem Gewölbe mit hohen Decken und zahlreichen Nischen. Avartos verzog das Gesicht. Als wenn irgendein Raum dieses verdammten Klosters anders aussehen würde.
    Was haben sie mit uns gemacht?, fragte Nando und mühte sich offensichtlich vergebens, die Fesseln an seinen Händen und Füßen zu lösen.
    Avartos schnaubte verächtlich. Sie haben uns ausgeschaltet . Die Brüder des Lichts haben uns in die Ohnmacht verabschiedet, ohne dass wir auch nur das Geringste dagegen tun konnten.
    Sie hätten uns töten können, warf Nando ein. Aber sie taten es nicht, weil …
    Er zögerte, als würde er sich scheuen, seinen Gedanken zu Ende zu führen. Avartos hingegen nickte unmerklich.
    Weil es nicht der Tod ist, den sie uns geben werden , sagte er. Die entstellte Fratze des Mönchs trat ihm vor Augen, der höhnisch auf sie herabgesehen hatte. Das ist der Grund, warum niemals jemand zurückkehrte, der einmal hinter diese Mauern geriet. Sie wollen uns das Sehvermögen nehmen, um uns zu einem der Ihren zu machen: zu einem Bruder des Lichts.
    Nando gab den Kampf gegen die Fesseln auf. Er atmete schwer, Avartos schien es, als könnte er die Gedanken des Jungen über seine Haut rasen fühlen. Kurz nahm er die Furcht wahr, die dieser empfand, das Entsetzen – und dann den Schreck, der im selben Moment auch ihn überfiel. Nando gab keinen Laut mehr von sich, und auch Avartos hielt den Atem an. Er horchte in die Finsternis, aber er konnte nichts hören als die vermaledeite Stille. Ein Name entfachte sich auf seiner Zunge, doch es war Nando, der seinen Gedanken aussprach, diesen winzigen, mächtigen Gedanken, auf den sich binnen eines Augenblicks alles zusammenzog:
    Wo ist Noemi?
    Avartos lag regungslos da, doch nur für einen Moment. Was, zur Hölle noch eins, war es, das plötzlich gierig wie fressendes Feuer durch seine Adern raste, das ihn die Fäuste ballen und wider jedes bessere Wissen gegen die Fesseln ankämpfen ließ? Er spürte, wie ein Wort sich in ihm formte, und er wusste, dass es keinen Zweck mehr hatte, es zu verleugnen. Furcht. Das war es, was er empfand, doch nicht um sich selbst oder den Sohn des Teufels. Er hatte Angst um Noemi.
    Eine Vibration traf seine Finger wie der Flügelschlag eines verletzten Vogels, und noch ehe er begriff, dass es ihr Herzschlag war, den er fühlte, hörte er die Engel kommen. Der Wind flog ihn schneidend an, und doch war das Zittern an seinen Fingern stärker. Er meinte, Noemi sehen zu können: getragen von einem der Mönche, das lange Haar im Wind wehend. Er flüsterte in Gedanken ihren Namen, und da spürte er, dass sie auch ihn ansah – mit geschlossenen Augen. Aber erst als sie ihm das Tuch vom Gesicht rissen, trafen sich ihre Blicke. Ja, sie hatte ihn angesehen, von ihrer ersten Begegnung an, durch jede Dunkelheit hindurch.
    Dann trat einer der Engel vor und nahm Avartos die Sicht. Mühelos fesselten sie Noemi auf dem letzten der drei Podeste, und Avartos hörte den nur halb unterdrückten Fluch, der über Nandos Lippen kam, als sich die metallenen Streben um ihren Körper schlossen. Zorn flammte in den Augen des Teufelssohns auf, Avartos wollte ihn zur Besinnung rufen, aber er konnte selbst nur mit Mühe einen Höllenfluch unterdrücken.
    Das Podest mit Noemi schob sich in die Mitte des Raumes. Unverhohlene Missachtung stand in ihrem goldenen Blick, selbst dann noch, als sich metallene Streben aus dem Stein schoben und ihren Kopf umfassten, sodass sie sich nicht mehr rühren konnte. Es gab keinen Zweifel daran, dass die Mönche längst durchschaut hatten, wer sich hinter der Maskerade der drei königstreuen Engel verbarg. In unheilvollem Schweigen nahmen sie um Noemi herum Aufstellung. Einer von ihnen trat vor, die Finsternis unter seiner Kapuze flackerte wie die Luft über einem erhitzten Abgrund. In seiner Hand

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