Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
sagte sie mir später, habe sie gewusst, dass noch etwas anderes in diesem Krieger steckte als ein Held. Sie sah ihn an in all seiner Furcht, und er blieb bei ihr, blieb für eine lange Zeit in der Welt jenseits der strahlenden Engelstadt. Es war eine glückliche Zeit, vielleicht die glücklichste, die er jemals hatte.«
Nando hörte Ranja lachen, der Ton wühlte die Flammen auf und erschuf neue Bilder. Er sah den Engelskrieger mit ihr über eine Wiese laufen, ausgelassen wie Kinder, sah sie auf den Rücken wilder Pferde durch die Wälder reiten und im See schwimmen, nachts, wenn der Schein des Mondes sich wie Silber auf ihre nackten Körper legte.
»Meine Mutter erzählte mir viel von dieser Zeit«, fuhr Carmenya fort. »Aber eine ihrer Erinnerungen hat sich mir vor allen anderen eingebrannt. Es war der Morgen nach meiner Geburt, und mein Vater stand am Ufer des Sees. Er trug mich in den Armen, der heisere Ruf eines Falken lag in der Luft, und meine Mutter sagte, dass etwas wie Frieden in die Augen des Kriegers getreten war, als er sich langsam zu ihr umdrehte. Es gibt Orte, so sagte er zu ihr, die wie das Innere eines Engels sind. Und manchmal, wenn man ein Licht an ihnen entzündet, verliert jeder Abgrund seine Dunkelheit.«
Nando senkte den Blick. Für einen Moment saß er wieder neben Antonio im Mohnfeld, und er hörte die Worte seines Freundes so deutlich, dass ein Schauer über seinen Rücken glitt. Es gibt Orte, die wie das Innere eines Engels sind. Nicht eines Engels, wie ich es bin, sondern eines wirklichen, eines wahren Engels. Dieser Ort ist die Sehnsucht und der Tod, aber er ist auch das Leben. Dieser Ort ist die Ewigkeit, und er wird es bleiben – für immer.
Es gab viele Momente, in denen er Antonio vermisste, aber jetzt, tief in der Dunkelheit der Katakomben, fehlte der Engel ihm so sehr, dass sich seine Kehle zusammenzog. Carmenya sah ihn über das Feuer hinweg an, er fühlte es, ohne ihren Blick zu erwidern, und auch wenn er wie damals nicht sicher war, ob er die Worte richtig verstand, fühlte er doch die Traurigkeit und die Wehmut, die in ihnen lag. Schweigend betrachtete er den Krieger in den Flammen und erkannte dieselbe Regung in seinen Augen. Seltsam wirkte er auf einmal und doch erhabener als auf jedem Bild zuvor.
Langsam zog Carmenya die Hände aus dem Feuer und ließ jede Erinnerung in den Flammen untergehen.
»Was ist geschehen?« Noemis Stimme klang weich und so behutsam, als würde sie bereits ahnen, wie die Geschichte enden würde.
»Er hat uns verlassen«, sagte Carmenya. »Kurz nach meiner Geburt brach er auf, um gegen Askramar in die Schlacht zu ziehen, und obwohl er meiner Mutter mit diesem Amulett versprach, zu ihr zurückzukehren, hielt er sich nicht daran. Später glaubte sie manchmal, ihn in ihrer Nähe zu spüren, aber sie sah ihn niemals wieder. Sie habe ihn an das Licht verloren, so sagte sie mir in der Stunde ihres Todes, und eines Tages machte ich mich auf die Suche, um diesen Worten nachzuspüren. Ich fand Hadros, den Engelskrieger, den Helden meines Volkes. Doch meinen Vater fand ich nie.«
Keiner von ihnen sagte etwas in der Stille, die nun eintrat. Kaya seufzte mitfühlend, und für einen Moment traf Avartos Noemis Blick und hielt ihn fest, ohne dass einer von beiden Furcht oder Zorn auf seine Züge schickte. Doch Nando bemerkte es kaum. Er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, den eigenen Vater zu verlieren, er kannte die Leere, die dieser Verlust hinterließ. Aber sein Vater hatte ihn nicht verlassen. Sein Vater war gestorben, und Nando würde sich immer an die Wärme in seinen Augen erinnern, wenn er seinen Sohn angesehen hatte. Das Bild des Feuers verschwamm vor seinem Blick, schnell wischte er sich über die Augen und spürte die Scham, die in ihm aufstieg. Verflucht, er war ein Krieger des Lichts und kein verweichlichter … Mensch.
Er erschrak selbst über diesen Gedanken, und für einen Moment meinte er, ein Scherbenlachen zu hören, das ihm in den Nacken fuhr. Doch ehe er die Worte hören konnte, die Luzifer ihm durch die Dunkelheit seiner eigenen Gedanken zuraunte, hob Carmenya den Blick.
»Teufelssohn«, sagte sie leise. »Du kämpfst auf der Seite des Lichts. Doch verliere dich nicht in seinem Glanz, sonst zerstörst du die mächtigste Waffe, die du gegen die Schatten führen kannst. Du bist so viel mehr als Engel oder Dämon. Hat Antonio dich das nicht gelehrt? Hast du es nicht selbst erfahren?«
Eine seltsame Strenge war auf ihre Züge
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