Die Eiserne Festung - 7
war es eine allgemeine Geste, die sich an sämtliche Anwesende richtete - und zog sich wie geheißen zurück.
Cayleb blickte ihm hinterher und wartete ab, bis sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte. Dann gehörte seine Aufmerksamkeit allein wieder seinen und Sharleyans Gästen.
In mancherlei Hinsicht wünschte Cayleb sich, es wären nur zwei Gäste anwesend, nicht drei. Vielleicht hätte er darauf bestehen sollen, das Mahl als Arbeitsessen anzusehen, zu dem Prinzessin Ohlyvya dann selbstverständlich nicht geladen gewesen wäre. Eigentlich hatte das Kaiserpaar genau das im Sinn gehabt, seine Meinung aber nach reiflicherer Überlegung geändert.
Zum einen wäre es unhöflich gewesen und damit untypisch für die beiden Monarchen. Gut, sich diesen Vorwurf einzuhandeln, damit hätten sie leben können. Aber Ohlyvya war eine kluge Frau. Hätte man sie von diesem Essen ausgeschlossen und Nahrmahn ... nun, stieße etwas zu, hätte sie mit demselben Scharfsinn, der ihren Gatten auszeichnete, Fragen gestellt und vielleicht auch Antworten erhalten. Sie sich zur Feindin zu machen, wäre für Charis kaum weniger schlimm als Nahrmahn in dieser Position.
Außerdem standen sich Nahrmahn und Ohlyvya in der ihnen eigenen Art mindestens ebenso nahe wie Cayleb und Sharleyan. Der beruhigende Einfluss, den sie auf ihren Gemahl hatte, entsprang dieser Nähe, der Stärke ihrer Verbindung, ihrer Liebe zueinander. Vor Ohlyvya Geheimnisse zu haben, hätte den untersetzten kleinen Fürsten in eine Zwickmühle gebracht, der nicht unähnlich, in der sich Cayleb befunden hatte, ehe Sharleyan endlich die Wahrheit erfahren hatte. Vielleicht, so hoffte das Kaiserpaar, würde den beiden gemeinsam leichter fallen, die Wahrheit als solche zu akzeptieren, als einem allein.
Die Entscheidung, beide einzuweihen, hinterließ einen schalen Nachgeschmack. Dennoch war es das Einzige, was zu tun sich anbot.
Na ja, wenn Merlin Recht hat, was die beiden betrifft, wird alles problemlos laufen, versicherte sich Cayleb erneut. Natürlich wäre Merlin der Erste, der offen eingestünde, es sei sein Fehler.
Wo wir gerade von Merlin sprechen ...
»Kommen Sie doch freundlicherweise zu uns, Merlin!«, forderte er seinen persönlichen Leibwächter auf und warf einen Blick über die Schulter zu dem hochgewachsenen Gardisten mit den auffallend blauen Augen, der an der Tür zum Speisesaal stand.
Merlin Athrawes lächelte in sich hinein, als Ohlyvya Baytz ein wenig arg rasch von ihrem Gespräch mit Sharleyan aufblickte. Mehrere Jahrzehnte schon war Prinzessin Ohlyvya mit einem regierenden Staatsoberhaupt verheiratet. Während dieser Zeitspanne hatte sie es erlernt, sich Überraschung deutlich weniger anmerken zu lassen als die meisten anderen Sterblichen.
Normalerweise, zumindest.
Nahrmahn hingegen hatte während des Corisande-Feldzuges schon oft genug die Gelegenheit gehabt, Cayleb und Merlin im Zwiegespräch zu erleben. Tatsächlich wusste er sogar schon, dass dem Seijin ›Visionen‹ gegeben waren. Dass Merlins Funktion als Seher und Ratgeber sogar noch wichtiger war als seine Funktion als Caylebs persönliche Leibwache. Währenddessen hatte er auch begriffen, dass Captain Athrawes' Beziehung zum Kaiserpaar sogar noch enger war, als die meisten jemals vermutet hätten.
Nahrmahn hatte gelernt, dies bei seinen Analysen von Merlins ›Visionen‹ zu berücksichtigen. Doch das war ein Wissen, das er niemals mit seiner Gemahlin geteilt hatte. Offenkundig aber hatten Ihre Majestäten beschlossen, es sei an der Zeit, dass auch Ohlyvya zumindest einen Teil dessen erführe, was ihm bereits bekannt war. Nahrmahn dürfte das vielleicht überrascht haben. Falls ja, ließ er es sich nicht groß anmerken. Er neigte nur den Kopf in einer leicht nachdenklichen Geste ein wenig zur Seite. Merlin führte die Geste nicht hinters Licht. Merlin glaubte beinahe zu sehen, wie die Gedanken durch das äußerst flexible Gehirn des Fürsten flitzten.
»Sehr wohl, Euer Durchlaucht«, murmelte Merlin und trat an den Tisch heran. Mit einer Handbewegung deutete Cayleb auf einen Stuhl zwischen sich und Maikel Staynair, und Merlin verneigte sich angemessen. Er legte seinen Waffengurt ab, lehnte Katana und Wakizashi, beide in ihrer Scheide, gegen die Wand. Dann zog er sich den ihm angewiesenen Stuhl zurecht und nahm Platz.
»Wein, Merlin?«, fragte Staynair, ein launiges Lächeln auf den Lippen.
»Wenn's recht ist, Eure Eminenz«, erwiderte Merlin und beobachtete aus dem Augenwinkel
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