Die Eiserne Festung - 7
glaubwürdig gemacht. Aber wie Merlin zu Beginn seiner Erklärung schon bemerkte: Es besteht kein großer Unterschied zwischen Eric Langhorne und der ›Vierer-Gruppe‹. Abgesehen davon, dass, ob wir ihm da nun zustimmen wollen oder nicht, Langhorne tatsächlich vorbringen könnte, das Uberleben der Menschheit selbst habe vom Erfolg der Lügen abgehangen, die er ersonnen hat.«
Ohlyvya kniff die Augen zusammen, und Staynair zuckte mit den Schultern.
»Ich werde nichts von dem bestreiten, was Merlin über Langhorne und Bédard und den Rest der so genannten ›Erzengel‹ vorgebracht hat. Sie waren Massenmörder und ganz offenkundig größenwahnsinnig. Was sie geschaffen haben, war ein Ungetüm und bei Gott eine Abscheulichkeit! Ich selbst bin Bédardist, und die Wahrheit über die Schutzheilige meines Ordens zu erfahren, gehörte eindeutig zu den weniger erfreulichen Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens machen durfte. Aber nachdem das nun gesagt ist, möchte ich auch darauf hinweisen, dass der Bédard-Orden im Laufe der Jahrhunderte viel Gutes getan hat. Ich glaube, mein Orden ist zu etwas doch recht anderem geworden als das, was Bédard im Sinn hatte, als sie seinerzeit das Denken hilfloser, schlafender Menschen ›umprogrammiert‹ hat, damit sie diese Lüge auch wirklich glauben. Aber ich muss zugeben, dass ich mich in dieser Hinsicht täuschen könnte. Wir wissen, was sie und Langhorne getan haben; wir werden niemals erfahren, was sie sich dabei gedacht haben. Ich will damit nicht sagen, ihre Motive seien so hehr gewesen - falls das überhaupt der Fall war! -, dass sie damit ihr Handeln rechtfertigen würden. Ich will damit sagen: Wir Menschen neigen dazu, ein Urteil anhand dessen abzugeben, was wir verstehen, was wir sehen, selbst wenn wir dank unseres Verstandes durchaus begreifen, dass es gewiss auch Dinge gibt, die wir nicht verstehen und die wir bislang noch nicht gesehen haben. So verhalten wir uns anderen, ja sogar uns selbst gegenüber. Wir sollten versuchen, das zu erkennen, Eure Hoheit. Und vielleicht sollten wir auch versuchen, Gott nicht die gleiche Ungerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
Mehrere Augenblicke lang starrte Ohlyvya ihn nur an. Dann nickte sie langsam. Es war keine Geste der Zustimmung - zumindest noch nicht. Doch es war zumindest ein erstes Eingeständnis des Verstehens.
»Beizeiten«, sagte nun Sharleyan, »muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, wie auf diese Lüge zu reagieren ist. Ich weiß, wie ich darauf reagiert habe. Aber niemand vermag zu beurteilen, wie ein anderer darauf reagieren wird. Das ist einer der Gründe, weswegen wir so vorsichtig dabei vorgehen, wenn es darum geht, zu entscheiden, wem wir die Wahrheit enthüllen können - und wem nicht.«
»Und falls sich herausstellt, dass Ihr Euch dabei getäuscht habt, Eure Majestät?«, fragte Ohlyvya sehr leise. »Was geschieht dann?«
»Dass Ihr diese Frage stellt, bedeutet unweigerlich, dass Ihr die Antwort darauf bereits wisst«, gab Sharleyan ebenso leise zurück. Doch so leise ihre Stimme auch war, sie war unerschütterlich. »Wir können - und wollen - uns in dieser Hinsicht nichts vormachen. Gott allein weiß, wie viele Menschen noch werden sterben müssen, bevor dieser Kampf beendet ist. Die Informationen, die Merlin Euch und Nahrmahn heute vorgelegt hat, würden sich in der Hand der Tempelgetreuen als katastrophal erweisen. Wenn Ihr an unserer Stelle wäret, was wäret Ihr bereit zu unternehmen, um zu verhindern, dass dieses Wissen jemals in die falschen Hände gerät?«
Wieder senkte sich Schweigen über den Speisesaal, ein angespanntes, bedrohliches Schweigen. Überraschenderweise lächelte Ohlyvya Baytz schließlich. Es war ein mattes Lächeln, aber es war, wie Merlin erkannte, ehrlich.
»Ich bin mit Nahrmahn schon fast so lange verheiratet, wie Ihr überhaupt lebt, Eure Majestät«, erklärte sie. »All die Jahre hindurch hat er stets sein Bestes gegeben, mich vor der rauen Wirklichkeit des ›Großen Spiels‹ zu beschützen. Aber ich fürchte, er war dabei niemals so erfolgreich, wie er selbst gewiss gedacht haben wird - auch wenn ich nie den Mut aufgebracht habe, ihn das wissen zu lassen.«
Sie wandte den Kopf zur Seite, und ihr Lächeln wurde kräftiger und herzlicher, als sie ihrem Gemahl in die Augen blickte und ihm die Hand drückte. Dann schaute sie, nun wieder ernst, zu Sharleyan und Cayleb hinüber.
»Ich weiß sehr wohl, was zu tun Ihr Euch gezwungen sähet. Und ich zweifle
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