Die Eiserne Festung - 7
Chisholm
»Guten Morgen, Euer Hoheit.«
»Ja, nicht wahr? Ich meine, es ist wirklich schon Morgen.« Durch das Palastfenster betrachtete Nahrmahn Baytz einen wintergrauen Chisholm-Tag und erschauerte.
Derart früh am Morgen ist es eigentlich gar nicht, sinniert Merlin. Andererseits lag Cherayth vier Zeitzonen weiter östlich als Eraystor. Nahrmahn hatte eine recht lange Reise hinter sich. Eigentlich hatte seine innere Uhr reichlich Zeit gehabt, sich umzustellen. Und das brachte Merlin zu dem Schluss, dass Prinz Nahrmahn einfach das war, was beklagenswert fröhliche Personen auf Terra immer einen ›Morgenmuffel‹ genannt hatte.
Ist ja auch völlig in Ordnung, dachte Merlin und verkniff sich ein Lächeln. Ich bin ja auch nicht gerade mit den Hühnern aufgestanden, wenn sich 's irgendwie vermeiden ließ.
»Und was kann ich für Euch tun zu dieser gottlosen, eisigen Stunde?«, erkundigte sich Nahrmahn, während er näher ans Feuer herantrat, das im Kamin des Wohnzimmers seiner Suite fröhlich prasselte.
»Ich müsste einige Dinge mit Euch besprechen, Euer Hoheit«, erwiderte Merlin. Nahrmahn verengte die Augen, und seine Miene wurde deutlich ernster, als er nun den Seijin anblickte.
»In meiner Funktion als Kaiserlicher Berater für nachrichtendienstliche Aufgaben?«, fragte er. »Oder in meiner Funktion als Neuzugang zum Inneren Kreis?«
»Tatsächlich in beiden.« Kaum merklich zuckte Merlin die Achseln. »Euch ist gewiss schon bewusst, zumindest theoretisch, dass Eure Möglichkeiten, neu eintreffende Informationen zu analysieren, sich deutlich verändern werden, wenn ich Euch erst einmal in den ordnungsgemäßen Gebrauch Eures Koms eingewiesen habe. Aber ich bezweifle, dass Ihr bereits gänzlich darauf vorbereitet seid. Ich meine das keineswegs herablassend. Lasst mich offen sein: Ich wüsste nicht, wie jemand, der das nicht bereits einmal erlebt hat, darauf gänzlich vorbereitet sein könnte.«
»Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel«, gab Nahrmahn nüchtern zurück. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich erinnere mich an all diese nett abgefassten Zusammenfassungen, die Ihr und ... Owl mir zur Verfügung gestellt haben. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie es ist, das alles mit eigenen Augen zu sehen.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Mir scheint, so sehr ich das auch versuchen mag, in Wahrheit wird es noch viel ... sollte man vielleicht sagen: beeindruckender sein?«
»So in etwa. Trotzdem denke ich, Ihr werdet Euch schneller daran gewöhnen, als Ihr im Augenblick vermutlich annehmt.« Merlin lächelte. Wieder ernst fuhr er fort: »Aber es gibt noch etwas, das Ihr kennenlernen werdet. Man nennt es Informationsüberflutung.« Nun war es an ihm, den Kopf zu schütteln. »Deswegen wäre Sharleyan tatsächlich beinahe umgebracht worden, trotz all meiner SNARCs und Parasiten. Es haben mich einfach entschieden zu viele Daten erreicht, obwohl mir Owl schon geholfen hat. Das alles konnte ich einfach nicht im Auge behalten. Dabei komme ich im Gegensatz zu Euch, Euer Hoheit, tatsächlich fast unbegrenzt ohne Schlaf aus, wenn es erforderlich ist.«
»Ah«, machte Nahrmahn nachdenklich. »Ich habe auch schon darüber nachgedacht, wie Ihre Majestäten die Zeit finden - und die erforderliche Privatsphäre -, sich hinzusetzen und sich all das Material anzuschauen, das Ihr beschrieben habt. Ist ja nicht so, als könnten sie einfach im Thronsaal herumsitzen und alle anderen ignorieren, während sie Stimmen lauschen, die sonst niemand hört, nicht wahr? Früher oder später führt das unweigerlich zu Getuschel.«
»Glaubt mir, es ist sogar noch viel schlimmer!« Merlin verdrehte die Augen. »Ich könnte mir vorstellen, dass es für Euch mindestens genauso schlimm wird.«
»Mindestens genauso?«, wiederholte Nahrmahn und wölbte fragend beide Augenbrauen.
»Ihr habt jetzt Zugriff auf sämtliche Dateien, die Owl aufzubieten hat, Euer Hoheit. Und ich weiß, von wem Eure älteren Kinder die Begeisterung fürs Lesen geerbt haben. Mich schaudert es bei dem Gedanken, was geschehen wird, wenn Ihr Owls historische Datenbanken entdeckt. Und Gott helfe uns allen, wenn Ihr jemals Machiavelli für Euch entdeckt!«
»Machiavelli«, wiederholte Nahrmahn den bizarr klingenden Namen, ein vorsichtiger Versuch an der exotischen Silbenfolge. »Ist das der Name des Buches oder des Autors?«
»Das herauszufinden überlasse ich Euch, Euer Hoheit.« Tatsächlich erschauerte Merlin ein wenig. »Besser, ich hätte das gar nicht
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