Die Eiserne Festung - 7
ändern. Aber die schlichte hässliche Wahrheit lautete nun einmal: Selbst mit unbegrenzten finanziellen Mitteln (die es nicht gab), konnte das Kaiserreich Charis unmöglich die Schiffsbaukapazitäten des vereinigten Festlandes erreichen. Auch die Zahl der Männer, die Charis zur Verfügung standen, war nicht unbegrenzt. Für neunzig Galeonen benötigte man je eine Besatzung von annähernd fünfhundert Mann, also insgesamt fünfundvierzigtausend Matrosen. Bislang was es der Navy gelungen, ihren Personalbedarf zu decken, ohne selbst auf Presspatrouillen angewiesen zu sein. Das gelang, weil sie eine ganz ähnliche Politik verfolgte wie die, die Thirsk Dohlar und der Kirche auferlegt hatte. Aber das würde sich schon bald ändern, weil es nun einmal nicht unbegrenzt viele Freiwillige gab, die sich anheuern ließen, ganz egal, welche Anreize geboten wurden. Die Frage nach geeigneten Matrosen wurde um so drängender, je weiter die Flotte anwuchs.
Und sie würde wachsen müssen. Angenommen, es gelänge der Kirche, ihre geplanten Bauprogramme wirklich in die Tat umzusetzen. Dann stünde ihr letztendlich eine Flotte von mehr als dreihundertundneunzig Galeonen zur Verfügung - mehr als das Vierfache der charisianischen Flottenstärke. Bei einhundertundfünfzig der Schiffe handelte es sich um Umbauten aus den Handelsflotten. Gleiches aber galt für ein Viertel der charisianischen Galeonen. Dabei waren noch nicht einmal die mehr als zweihundert Galeeren berücksichtigt, die die Kirche hatte bauen lassen, bis ihr deren kriegstechnische Deklassierung bewusst geworden war. Für die entscheidenden Breitseitenduelle waren diese Galeeren zwar nicht geeignet. Aber trotzdem sorgten sie dafür, dass sich die Anzahl der Schiffe unter Kirchenflagge mehr als verdoppelte. Wenn diese Galeeren frei agieren könnten, während die Galeonen der Kirche die Galeonen von Charis ausschalteten ...
Das Gute war, dass die betreffenden Schiffe fünf verschiedenen Flotten angehörten. Ein einziges Königoder Kaiserreich, das es allein mit Charis hätte aufnehmen können, gab es nicht. Nur Harchong käme dem schon recht nahe, sobald ihre eigenen Neubauten fertiggestellt wären, deren Stapellauf allerdings das Winterwetter verzögerte. Die fünf unter der Kirchenflagge vereinigten Flotten aber waren fünf Flotten aus sehr unterschiedlichen, teils weit voneinander entfernten Teilen Safeholds. Die verschiedenen, weit verstreuten Geschwader zusammenzuziehen würde schwierig werden. Wie schwierig, hatte die ›Vierer-Gruppe‹ schon damals, bei ihrem Plan, das Alte Königreich Charis zu vernichten, gelernt. Auch damals hatten verschiedene Streitkräfte gebündelt werden müssen. Doch selbst wenn das Bündeln der fünf Geschwader glattliefe, würde es den Besatzungen auf diesen Schiffen im Vergleich zu denen der Imperial Navy deutlich an Erfahrung mangeln.
Zumindest Graf Thirsk hatte das bereits erkannt. Gleiches galt für Gahvyn Mahrtyn, seines Zeichens Baron White Ford, den ranghöchsten Kommandeur der Flotte König Gorjahs von Tarot. Die beiden waren die einzigen noch verfügbaren Flottenkommandeure, die jemals die Charisian Navy in einer Schlacht erlebt hatten. Herzog Black Water, der corisandianische Kommandeur, war bei der Schlacht im Darcos-Sund gefallen. Gharth Rahlstann, der Graf Mahndyr, und Sir Lewk Cohlmyn, Graf Sharpfield, die das Kommando über den emeraldianischen und den chisholmianischen Teil von Black Waters Flotte innegehabt hatten, standen jetzt im Dienste von Charis. Wirklich bedauerlich für die Kirche aber war: Weil der damalige Kronprinz Cayleb Thirsk und White Ford so vernichtend geschlagen hatte, legten fast sämtliche ihrer Kollegen keinerlei Wert auf deren fachliche Meinung.
Im Falle von Thirsk änderte sich das offensichtlich gerade. Allerdings schienen weder Harchong noch das Desnairianische Reich oder die Tempel-Lande sonderlich geneigt, von Dohlars Beispiel in irgendeiner Weise zu profitieren. Offensichtlich machte die ›Vierer-Gruppe‹ nach wie vor Tarnt dafür verantwortlich, dass beim letzten Kriegszug gegen Charis dem Gegner geheime Informationen zugänglich geworden waren. Es waren diese Informationen gewesen, so meinte die Kirche, die König Haarahld von Charis und seinen Sohn die Strategie der Kirche hätten durchschauen und eine erfolgreiche Gegenstrategie entwerfen lassen. Nur infolgedessen habe die Anti-Charis-Koalition jene vernichtende Niederlage einstecken müssen. Tarot zu beschuldigen war gänzlich ungerecht.
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