Die Enden der Parabel
Leben, oder fiel es ihr lästig, dazu abkommandiert zu werden, diese Zeit
mit einem alternden, langweiligen Ingenieur zu verbringen, an einem Ort, aus dem sie schon Vorjahren herausgewachsen war?
"Du möchtest gar nicht wirklich hier sein, hab ich recht?" Sie saßen am Ufer eines
verschmutzten Siels und warfen den Enten Brotstücke zu. Pöklers Magen war gereizt
von Ersatzkaffee und verdorbenem Fleisch. Sein Kopf schmerzte.
"Es gibt nur das hier oder das Lager." Störrisch hielt sie ihr Gesicht abgewandt.
"Nirgends möchte ich wirklich sein. Es ist mir gleich."
"Ilse."
"Bist du gerne hier? Möchtest du gerne unter deinen Berg zurück? Sprichst du mit den Elfen, Franz?"
"Nein, mir gefällt es nicht, wo ich bin -" Franz? - "aber ich, ich habe meinen Beruf..." "Ja. Ich genauso. Mein Beruf ist es, eine Gefangene zu sein. Ich bin eine professionelle Insassin. Ich weiß, wie man sich Vergünstigungen verschafft, wen man beklauen kann, wie man verpfeift, wie man -"
Jeden Augenblick würde sie es aussprechen ... "Ilse, bitte -hör auf-" diesmal wurde Pökler hysterisch und schlug sie wirklich. Aufgescheucht vom scharfen Schlag drehten sich die Enten um und watschelten ins Wasser. Ilse starrte ihn an, ohne Tränen, die Augen Raum um Raum verwoben in die Schatten eines alten Vorkriegshauses, das er jahrelang durchstreifen konnte, Stimmen hörend, Türen öffnend, auf der Jagd nach sich selbst, dem Leben, das er hätte führen können ... Er konnte Gleichgültigkeit von ihr nicht ertragen. Nahe daran, die Kontrolle über sich zu verlieren, beging Pökler seinen Akt des Mutes. Er stieg aus dem Spiel aus. "Wenn du nächstes Jahr nicht wiederkommen willst", obwohl "nächstes Jahr" so wenig zu bedeuten hatte im Deutschland dieser Tage, "dann mußt du nicht. Dann ist es besser, wenn du nicht kommst."
Sie verstand sofort, was er getan hatte. Sie zog ein Knie an, stützte ihre Stirn dagegen und dachte nach. "Ich werde wiederkommen", sagte sie sehr ruhig. "Du?"
"Ja. Wirklich."
Da ließ er sich endlich fallen, gab alle Kontrolle auf. Er schwang in den Wind seiner langen Isolation, mit einem schrecklichen Zittern. Er weinte. Sie nahm seine Hände. Die paddelnden Enten sahen zu. Das Meer kühlte sich ab unter dem Dunstschleier, der jetzt vor der Sonne lag. In ihrem Rücken, in der Stadt, spielte ein Akkordeon. Versteckt hinter verfallenden Standbildern mythischer Gestalten schrien sich verurteilte Kinder etwas zu. Der Sommer ging zu Ende.
Nach seiner Rückkehr in die Mittelwerke versuchte Pökler, versuchte es immer wieder, sich Zutritt zum Lager zu verschaffen, um Ilse zu suchen. Die SS-Posten am Eingang waren höflich und verständnisvoll und jedesmal von neuem unüberwindlich. Der Arbeitsdruck war jetzt furchtbar. Pökler bekam weniger als zwei Stunden Schlaf pro Nacht. Nachrichten vom Krieg drangen nur in Form von Gerüchten und Engpässen bis unter den Berg vor. Die Philosophie der Materialbeschaffung war "dreieckig" gewesen - drei mögliche Lieferanten für dasselbe Teil, um einem Ausfall durch Kriegseinwirkung vorzubeugen. Aus der Tatsache, was nicht mehr von wo kam oder mit welcher Verspätung, konnte man erschließen, welche Fabriken zerbombt, welche Bahnlinien unterbrochen waren. Gegen Ende mußte man versuchen, viele der Einzelteile vor Ort zu produzieren. Wenn Pökler noch Zeit zum Nachdenken fand, beschäftigte ihn das wachsende Rätsel von Weißmanns Schweigen. Um ihn, oder die Erinnerung an ihn, zu provozieren, rang er sich dazu durch, mit den Offizieren aus Major Förschners Sicherheitsabteilung zu sprechen, um möglicherweise etwas Neues zu erfahren. Keiner von ihnen erzählte Pökler mehr, als nötig war, um den lästigen Frager wieder loszuwerden. Sie hatten Gerüchte gehört, daß Weißmann nicht mehr hier war, sondern in Holland eine eigene Raketenbatterie leitete. Enzian hatte sich abgesetzt, mit ihm die wichtigsten Männer des Schwarzkommandos. In Pökler wuchs die Überzeugung, daß das Spiel diesmal wirklich zu Ende war, daß der Krieg sie alle eingeholt und neue Prioritäten zwischen Leben und Tod gesetzt hatte, die keinem mehr die Muße ließen, einen unwichtigen Ingenieur zu quälen. Es gelang ihm, sich ein wenig entspannter zu fühlen, die tägliche Routine abzuwickeln, das Ende zu erwarten und sogar zu hoffen, daß die Tausende aus Dora bald befreit sein würden, darunter Ilse, irgendeine Ilse, die er akzeptieren konnte...
Doch im Frühjahr sah er Weißmann wieder. Er erwachte aus einem Traum
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