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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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Zustand, den nicht viele von uns lange ertragen. Und genau in diesem Augenblick
    fühlt Slothrop, wie er in die anti-paranoische Phase seines Kreislaufs hinübergleitet, wie sich die Stadt um ihn zurückzieht, dächerlos, verletzlich, ohne Zentrum wie er selbst, bis nur noch Pappkartonbilder vom Mithörenden Feind zwischen ihm und dem nassen Himmel übrigbleiben.
    Entweder sie haben ihn aus einem bestimmten Grund hierhergeschickt, oder er ist einfach da. Er ist sich nicht so sicher, ob er nicht in Wirklichkeit den Grund vorzöge ... Um Mitternacht hört der Regen auf. Er verläßt Margherita, um mit den fünf Kilo in die Stadt zu schleichen - das eine, das Tschitscherin angebrochen hat, behält er für sich zurück. Russische Soldaten singen in ihren Unterkünften. Das salzige Weh der Akkordeonmusik weint hinter ihnen fort. Besoffene tauchen auf, fröhlich in die Mittelrinnen von kopfsteingepflasterten Gassen pissend. Schlamm liegt auf manchen Straßen wie eine Haut. Bombentrichter, randvoll mit Regenwasser, blitzen unter den Lichtern nächtlicher Räumkolonnen. Geknickter Biedermeierstuhl, unpaarer Stiefel, drahtiges Brillengestell, Hundehalsband (immer die Augen am Saum des gewundenen Pfades, auf Zeichen und Schalmen lauernd), Flaschenkorken, zersplitterter Besen, Fahrrad minus ein Rad, weggeschmissene Nummern der Täglichen Rundschau, Sardonyx-Türknauf, früher mal blau gestrichen mit eisigem Eisencyanid, verstreute Klaviertasten (alle in Weiß, eine Oktave ab B, um genau zu sein, oder H, nach der deutschen Nomenklatur - die Skala der verworfenen lokrischen Tonart), das schwarze und bernsteinfarbene Auge eines ausgestopften Tiers ... Die allgegenwärtige Nacht. Hunde, gespenstergejagt und zitternd, schnüren hinter Mauern, die oben zackig sind wie Fieberkurven. Irgendwo bläst eine Minute lang ein leckes Gasrohr zwischen die Gerüche nach Verwesung und überstandenem Regen. Reihen umschwärzter Fensterhöhlen laufen hoch über die Fassaden ausgebrannter Mietskasernen. Betonklumpen schweben an Monierstählen, die sich winden wie schwarze Spaghetti, Riesenknäuel, die bei der leisesten Berührung des Vorübergehens opak zu schwanken beginnen ... Der glattfratzige Kustos der Nacht schwebt hinter nichtssagendem Blick und Lächeln bleich und geduckt über der Stadt und summt ihre kratzigen Schlummerweisen. Junge Männer haben so die Inflation verbracht, allein auf den Straßen, ohne Obdach vor den schwarzen Wintern. Mädchen auf Treppen oder Parkbänken im Lampenschein am Wasser blieben abends lange auf und warteten auf Kundschaft, doch die jungen Männer mußten weitergehen, unbeachtet die breit wattierten Schultern beugend, Geld ohne Relation zu allem, was sie damit kaufen konnten, ein schwellender, papierener Krebs, in ihren Brieftaschen.
    Zwei ihrer Nachfahren stehen vor der Chicago-Bar und halten Wacht, Jungs in George-Raft-Anzügen, die viele Nummern zu groß sind, zu viele, als daß sie je reinwachsen könnten. Der eine hustet, ununterbrochen, unkontrolliert, in langsam verebbenden Krämpfen. Der andere leckt sich die Lippen und beäugt Slothrop. Ganeffs. Als er Säure Bummers Namen erwähnt, bauen sie sich nebeneinander vor der Tür auf und schütteln die Köpfe. "Schaut her, ich hab ihm ein Paket zu geben." "'n Bummer kenn' wa nich." "Kann ich ihm eine Nachricht hinterlassen?"

"Er 's nich da." Der Huster hechtet vorwärts. Slothrop schwingt zur Seite, wischt ihm mit seinem Umhang eine quicke Veronika übers Gesicht, streckt den Fuß aus und läßt den Jüngling zu Boden gehen, wo er sich fluchend in seine lange Uhrkette verwickelt, während sein Kumpel in den Tiefen seines flappenden Sakkos nach etwas herumgrapscht, das sich vermutlich als 'ne Töte entpuppen wird. Drum tritt ihn Slothrop schnell in die Eier, brüllt: "Fickt nicht mit dem Raketenmensch!", eine Art angepaßtes Hiyo, Silver, damit sie sich's auch merken, und entfleucht in die Schatten, hinein zwischen Haufen von Gerumpel, Steinen, Erde. Er folgt einem Weg, der ihm derselbe zu sein scheint, den sie neulich in der Nacht mit Säure gegangen sind - verliert ihn ständig, gerät in fensterlose Labyrinthe, Knäuel von Stacheldraht, verweht in den Todesstürmen des Mai, schließlich auf ein zusammengeschossenes, bombentrichterbesätes Garagengelände voller Lkws, in dem er eine halbe Stunde lang herumirrt, ein wogender Hektar aus Gummi, Schmieröl, Stahl und verschüttetem Benzin, aus dem die Trümmer der Fahrzeuge zum Himmel oder in die Erde weisen

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