Die Enden der Parabel
Schattierungen von Rosa nach allen Seiten...
In einem Zimmer voll Geschnarche schlafen sie ein, begleitet von dumpfen Akkorden aus dem Flügel und dem Getrappel von Millionen Regenfüßen unten in den Höfen. Als Slothrop aufwacht, herrscht die Böse Stunde. Trudi ist mit Gustav in einem anderen Zimmer, Kaffeetassen klappern, eine schildpattfarbene Katze jagt vor dem dreckigen Fenster nach Fliegen. Hinten, am Ufer der Spree, wartet die Weiße Frau auf Slothrop. Er ist nicht recht in Aufbruchsstimmung. Trudi und Gustav kommen mit Kaffee und einem halben Reefer, und alle setzen sich zu einem Schwatz. Gustav ist Komponist, Seit Monaten führt er mit Säure eine leidenschaftliche Debatte über die Frage, wer besser sei - Beethoven oder Rossini. Säure ist für Rossini. "Ich bin nicht so sehr für Beethoven als Beethoven", argumentiert Gustav, "sondern für Beethoven als Repräsentanten der deutschen Dialektik, der Einbeziehung von immer mehr Tönen in die Skala, die in der dodekaphonischen Demokratie kulminiert, wo allen Noten das gleiche Gehör zuteil wird. Beethoven war einer der Architekten der musikalischen Freiheit - er unterwarf sich den Erfordernissen der Geschichte, ungeachtet seiner Taubheit. Während Rossini sich mit 36 Jahren auf das Altenteil zurückzog, den Weibern und den Kochtöpfen nachlief und verfettete, lebte Beethoven ein Leben voller Tragik und Größe."
"Und?" lautet Säures übliche Antwort auf diese Leier: "Was würdest du lieber tun? Der springende Punkt", womit er Gustavs entrüsteten Aufschrei an dieser Stelle abschneidet, "ist doch der, daß sich ein Mensch, der Rossini hört, einfach gut fühlt dabei. Alles, was man fühlt, wenn man einen Beethoven ins Ohr kriegt, ist losmarschieren und Polen erobern. Ode an die Freude, nicht wahr? Der Kerl hat niemals auch nur einen Funken von Humor besessen. Ich sage dir", und er schüttelt seine knochige alte Faust, "im Part der kleinen Trommel in La gazza ladra steckt mehr vom Sublimen als in der ganzen neunten Symphonie. Bei Rossini dreht sich alles darum, daß die Liebenden sich finden, die Isolation überwunden wird, und das, ob dir's paßt oder nicht, ist die einzige große zentripetale Bewegung in der Welt. Mitten im Ränkespiel von Habgier, Kleinlichkeit und Machtmißbrauch gelingt die Liebe. Die ganze Scheiße wird in Gold verwandelt. Die Mauern brechen, die Balkons werden erstürmt - hört nur!" Es war eine Nacht Anfang Mai, die letzte Bombardierung Berlins war in vollem Gange. Säure mußte sich die Seele aus dem Leib schreien. "Die Italienerin ist in Algier, der Barbier läßt die Teller klirren, die Elster klaut, was ihr nur vor den Schnabel kommt! Die Welt schnurrt zusammen ..." An diesem Morgen, in der Stille des Regens, scheint Gustavs deutsche Dialektik an ihr Ende gekommen zu sein. Er hat gerade, über den Flüstertelegraphen der Musiker, aus Wien die Nachricht erhalten, daß Anton Webern tot ist. "Erschossen im Mai, von Amerikanern. Sinnlos, zufällig, wenn man an Zufälle glaubt - von irgendeinem Blindgänger aus North Carolina, einem, der gerade noch eingezogen worden ist, mit einer 45 er, die er kaum richtig halten konnte, zu spät gekommen für den WK-Zwo, aber nicht für Webern. Der Vorwand für die Razzia auf das Haus war, daß Weberns Bruder seine Finger im schwarzen Markt hatte. Wer hat das nicht? Könnt ihr euch vorstellen, was für einen Mythos das in tausend Jahren abgeben wird? Die jungen Barbaren kommen über den Ozean, um den Letzten Europäer zu ermorden, den Mann, der am äußersten Ende der Entwicklung steht, die mit Bach begonnen hat, der Erweiterung des polymorph Perversen der Musik, bis endlich alle Noten wahrhaft gleich waren ... Wohin konnte man nach Webern noch gehen? Es war der Augenblick der allergrößten Freiheit. Der Zusammenbruch mußte folgen. Eine neue Götterdämmerung-"
"Junger Narr", kichert Säure in der Tür, zurück von einem Ausflug in die Stadt, einen Kissenüberzug voll blühendem Heu, frisch aus Nordafrika, im Schlepptau. Sein Anblick ist eine Katastrophe - blutunterlaufene Augen, die feisten Babyarme völlig haarlos, der Hosenlatz offen und jeder zweite Knopfabgerissen, weißes Haar und blaues Hemd gestreift mit einem widerlichen grünen Schaum. "Bin in einen Bombentrichter gefallen. Hier, schnell, drehen wir uns eine." "Was meinst du mit ?" forscht Gustav.
"Dich meine ich und deine musikalischen Hauptströme", kräht Säure. "Ist das jetzt endlich überstanden? Oder fangen wir nochmal da capo
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