Die Enden der Parabel
gelegenen Hof hinunter. Oben platzen die Bullen ins Zimmer, Berliner Polizei in Begleitung amerikanischer MPs im Beraterstatus.
"Ihre Papiere, aber etwas plötzlich", kläfft der Anführer des Überfalls.
Säure lächelt und hält eine Packung Zigarettenpapier hoch, Zig-Zags, frisch aus
Paris.
Zwanzig Minuten später, im amerikanischen Sektor, schlendert Slothrop an einer Kneipe vorbei, um die stumpfsinnig blickende MPs herumlungern und aus deren Tür, von Radio oder Platte, ein Potpourri aus Irving-Berlin-Melodien erklingt. Slothrop zieht paranoid den Kopf ein und schleicht weiter. "God Bless America" ist zu hören, und "This Is the Army, Mister Jones", und das sind die Versionen seines Landes vom Horst-Wessel-Lied, auch wenn es Gustav ist, der gerade drüben in der Jacobistraße (keiner wird ihm einen Anton Webern vormachen!) einem blinzelnden amerikanischen Lieutenant-Colonel ins Gesicht tobt: "Eine Parabel! Eine Falle! Nie wart ihr immun dort drüben gegen den schlichten, deutschen symphonischen Bogen, Tonika auf Dominante und wieder zurück zur Tonika. Grandeur! Gesellschaft!" "Teutonika?" sagt der Colonel, "Dominanz? Der Krieg ist vorbei, Freundchen. Was ist das für 'n Geschwafel?"
Von den nassen Feldern der Mark weht ein kalter Nieselregen herüber. Russische Kavallerie überquert den Kurfürstendamm mit einer Herde schmutzverkrusteter, muhender Kühe, feine Regenperlen in den Wimpern, die zum Schlachten getrieben wird. Im sowjetischen Sektor dirigieren Mädchen mit grell orangefarbenen Wimpeln den Verkehr, Gewehre über ihren hüpfenden, wollverhüllten Brüsten. Bulldozer dröhnen, Lastwagen wühlen sich gegen schwankende Mauerreste, kleine Kinder bejubeln jedes nasse Krachen. Silberne Teegeschirre klirren auf farnblättrigen, wassertropfenden Terrassen, Kellner in mageren, schwarzen Jacketts kurbeln und zerren Planen. Eine offene Viktoria spritzt vorüber, darin zwei russische Offiziere, ordenbehängt, und ihre Damen, die Seidenkleider und breitkrempige Hüte tragen, in die der Fahrtwind greift. Auf dem Fluß durchschneiden sich Enten mit glitzernden grünen Köpfen gegenseitig die Bugwellen. Holzrauch zieht breit aus dem verbeulten Ofenrohr an Margheritas Haus. Als er in der Tür steht, ist das erste, was Slothrop sieht, ein hochhackiger Schuh, der genau auf ihn zufliegt. Er kann ihn gerade noch abducken. Margherita kniet heftig atmend auf dem Bett und starrt ihn an. "Du hast mich verlassen."
"Hatte was zu erledigen." Er rumort in zugedeckten Konservendosen auf dem Regal
über dem Ofen herum, findet getrocknete Kleeblüten für Tee.
"Aber du hast mich allein gelassen." Ihr Haar weht in einer schwarzgrauen Wolke um
ihr Gesicht. Sie ist die Beute innerer Stürme, die er selbst nie verspürt hat.
"Nur für eine kleine Weile. Willst du Tee?" Er strebt mit einer leeren Büchse nach
draußen.
"Was ist eine kleine Weile? Um Gottes willen, bist du noch nie allein gewesen?" "Sicher doch." Er schöpft Wasser aus einer Regentonne vor der Tür. Sie liegt zitternd da, in ihrem Gesicht arbeitet es, hilflos.
Slothrop stellt die Büchse auf den Ofen. "Du hast ganz schön fest geschlafen. Ist es nicht sicher hier? Geht's darum?"
"Sicher!" Ein gräßliches Lachen. Er wünscht sich, sie schwiege. Das Wasser hat zu knirschen begonnen. "Weißt du denn, was sie mir angetan haben? Was sie auf meine Brüste gehäuft haben? Mit welchen Namen sie mich belegt haben?" "Wer, Greta?"
"Als du gingst, bin ich aufgewacht. Ich rief nach dir, aber du kamst nicht zurück. Sobald sie sicher waren, daß du fort warst, kamen sie herein..." "Warum hast du nicht versucht, wach zu bleiben?"
"Ich war wach!" Wie eingeschaltet, bricht die Sonne durch. Sie dreht ihr Gesicht aus dem harten Licht.
Während er den Tee aufbrüht, sitzt sie auf dem Bett, beschimpft ihn auf deutsch und italienisch, mit einer Stimme, die um die Grenze des Versagens schwankt. Er bringt ihr eine Tasse. Sie schlägt sie ihm aus der Hand.
"Komm, take it easy, bitte ..." Er setzt sich neben sie und bläst auf seinen Tee. Die Tasse, die sie nicht wollte, bleibt umgekippt liegen, wo sie ist. Der dunkle Fleck dampft in die hölzernen Bohlen. Ferner Klee erhebt sich und verraucht: ein Geist... Schließlich greift sie nach seiner Hand. "Entschuldige, daß ich dich allein gelassen hab." Sie beginnt zu weinen.
Und weint den ganzen Tag. Slothrop schläft ein, treibt immer wieder über ihre Schluchzer, über Berührungen, immer berühren sie einander, ein Teil von ihr,
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