Die Enden der Parabel
ein Teil von ihm ... In einem Traum aus diesen Stunden kommt Slothrops Vater, ihn zu holen. Er ist zur Zeit des Sonnenuntergangs am Ufer des Mungahannock entlangspaziert, in der Nähe einer verfallenen Papiermühle, die schon in den neunziger Jahren stillgelegt wurde. Vor leuchtendem und verblassendem Orange erhebt sich die Silhouette eines Reihers. "Sohn", ein stürzender Turm aus Worten, die durcheinanderpurzeln, "vor drei Monaten ist der Präsident gestorben." Slothrop bleibt stehen und beschimpft ihn. "Warum hast du es mir nicht gesagt, Paps? Ich habe ihn geliebt. Du hast mich ja nur an die I.G. verschachern wollen. Du hast mich verraten. " Die Augen des alten Mannes füllen sich mit Tränen. "Ach, Sohn ..." versucht er, seine Hand zu greifen. Aber der Himmel ist dunkel, der Reiher verschwunden und das leere Skelett der Mühle, das düstere Anschwellen des Flusses sagen: es ist Zeit zum Gehn ... Dann ist auch sein Vater fort, keine Zeit zum Lebewohl, obwohl sein Gesicht gegenwärtig bleibt, Broderick, der ihn verraten hat, noch lange nach dem Aufwachen, zusammen mit der Traurigkeit, die Slothrop in seine Züge hineingetragen hat, das dumme, vorlaute Kind. Margherita beugt sich über ihn, wischt ihm mit den Spitzen ihrer Fingernägel die Tränen aus dem Gesicht. Die Nägel sind sehr scharf und halten oft inne, wenn sie sich seinen Augen nähern.
"Ich hab Angst", flüstert sie. "Angst vor allem. Mein Gesicht im Spiegel - als ich ein Kind war, hieß es, ich solle nicht zu oft in den Spiegel schauen, sonst würde ich den Teufel hinter dem Glas sehen ... und ..." mit einem Blick auf den weißgeblümten Spiegel in ihrem Rücken, "wir müssen ihn verhängen, bitte, können wir ihn nicht zudecken... dort sind sie nämlich... besonders bei Nacht -"
"Ruhig." Er schmiegt sich an ihren Körper, versucht, soviel wie möglich von ihr zu berühren. Er hält sie fest. Das Zittern ist heftig und vielleicht nie mehr zu stillen: nach einiger Zeit hat es auch Slothrop erfaßt, im gleichen Rhythmus. "Bitte, versuch dich zu beruhigen." Was immer von ihr Besitz ergriffen hat, es braucht Berührung, muß unersättlich Berührung trinken.
Die Intensität von alldem erschreckt ihn. Er fühlt sich für sie verantwortlich und oft wie in einer Falle. Zunächst bleiben sie tagelang verklammert, bis er hinausmuß, um etwas Eßbares zu suchen oder seinen Stoff zu verkaufen. Er schläft nicht mehr viel. Er ertappt sich dabei, sie anzulügen, schon ganz automatisch -"alles in Ordnung", "kein Grund zur Aufregung". Hin und wieder gelingt es ihm, draußen am Fluß allein zu sein, wo er mit einer Schnur und einer ihrer Haarnadeln angelt. Sie schaffen einen Fisch pro Tag, an guten Tagen zwei. Es sind idiotische Fische, alles, was in diesen Tagen noch in Berliner Gewässern rumschwimmt, muß jedermanns letzte Wahl sein. Wenn Greta in ihrem Schlaf länger weint, als er zuhören kann, muß er sie wecken. Dann versuchen sie, zu reden oder zu vögeln, wozu er immer weniger Lust hat, was sie immer mehr aufregt, weil sie sich abgelehnt fühlt, was auch stimmt. Peitschenhiebe scheinen sie zu trösten, und ihm verschaffen sie ein wenig Freiraum. Manchmal ist er sogar dafür zu müde. Sie versucht immer wieder, ihn zu provozieren. An einem Abend stellt er einen gebratenen Fisch vor sie hin, eine ungesund aussehende gelbe Schmerle mit Hirnschaden. Sie kann sie nicht essen, ihr wird schlecht werden. "Du mußt essen."
Sie dreht ihren Kopf weg, zuerst nach einer, dann der anderen Seite. "O Mann, was für eine traurige Geschichte. Hör mal, Fotze, du bist wahrhaftig nicht die einzige, die je gelitten hat - warst du in letzter Zeit mal hier auf den Straßen ?" "Jaja, natürlich, ich vergesse dauernd, wie sehr du gelitten haben mußt!" "Scheiße noch mal, ihr Deutschen seid wahnsinnig, alle glaubt ihr, daß die Welt gegen euch ist."
"Ich bin keine Deutsche", fällt ihr gerade noch ein, "ich bin Lombardin." "Dicht genug dran, Schätzchen."
Mit einem Zischen, die Nüstern gebläht, packt sie den kleinen Tisch und schleudert ihn zur Seite, Teller, Silber, Fisch fliegen platsch gegen die Wand, von der das arme Vieh zu Boden zu tropfen beginnt, selbst im Tod noch Verlierer. Von anderthalb Metern gefährlich leerem Raum getrennt, sitzen sie auf ihren geraden Stühlen einander gegenüber. Es ist der warme, romantische Sommer von 1945, und, Zusammenbruch oder nicht, die Kultur des Todes herrscht noch immer: was Großmutter "Verbrechen aus Leidenschaft" nannte, ist
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