Die Enden der Parabel
heute, da kaum irgend jemand Leidenschaft für irgend etwas aufzubringen vermag, zur Methode der Wahl bei der Lösung interpersoneller Zwistigkeiten geworden. "Wisch das auf."
Sie spuckt einen bleichen, abgebissenen Daumennagel von einem ihrer Schneidezähne und lacht das angenehme Erdmann-Lachen. Slothrop, bebend, will gerade sagen: "Du weißt nicht, wie nahe dran du bist -" Da erwischt er einen Blick auf ihr Gesicht. Natürlich, sie weiß, wie nahe dran sie ist. "Okay, okay. Er schleudert ihre Unterwäsche durch das Zimmer, bis er den schwarzen Strumpfbandgürtel findet, den er gesucht hat. Die
Metallschnallen der Strapse hinterlassen dunkle, kleine, geschwungene Narben auf den verblassenden alten Striemen ihrer Arschbacken und Schenkel. Er muß sie blutig peitschen, ehe sie den Fisch aufwischt. Als sie fertig ist, kniet sie vor ihm nieder und küßt seine Stiefel. Nicht genau das Drehbuch, das sie wollte, aber dicht genug dran, Schätzchen.
Es wird von Tag zu Tag beklemmender, und er hat Angst. Noch nie hat er etwas Derartiges erlebt. Wenn er in die Stadt will, fleht sie ihn an, sie so lange mit ihren Strümpfen an die Bettpfosten zu fesseln, gespreizt wie ein Stern. Manchmal verschwindet sie, bleibt tagelang weg und kommt mit Geschichten von Negerpolizisten zurück, die sie mit Gummiknüppeln verprügelt und in den Arsch gefickt hätten, und wie sie es genossen habe, alles, um irgendeine Sex-und-Rasse-Reaktion bei ihm zu provozieren, etwas Bizarres, eine kleine Abwechslung... Was immer mit ihr los sein mag, es steckt ihn an. Draußen in den Ruinen sieht er die Umrisse all der geborstenen Formen jetzt von einer Dunkelheit umgeben, die hinter ihnen hervorschaut. In Margheritas Haaren nistet Licht wie schwarze Tauben. Immer wieder starrt er auf seine kreidigen Hände, und jedesmal strömt und wellt Finsternis rund um die Grenzen seiner Finger. Am Himmel über dem Alexanderplatz hat er Oberst Enzians KEZVH-Mandala gesehen und das Gesicht von Tschitscherin in den Zügen von mehr als einem zufälligen MP. Auf der Fassade des Titania-Palasts las er eines Nachts in roter Neonschrift im Nebel: stirb, slothrop! An einem Sonntag am Wannsee, vor einer Armada von parallel in den Wind geneigten Segeln, die geduldig, träumerisch gegen das andere Ufer kreuzten, plante eine Bande kleiner Kinder in Soldatenmützen, die sie aus alten Wehrmachtskarten gefaltet hatten, ihn zu ertränken und zu opfern. Er entkam ihnen nur, indem er dreimal das Wort Hauptstufe murmelte.
Das Haus am Fluß ist eine Enklave, die als Puffer dient vor Tag und Wetter. Licht und Wärme fluktuieren in ihm nur in sanften Wellen, ein leichtes Tal bei Nacht, ein flacher Anstieg morgens,
bis zur Mittagsspitze, gefiltert aus dem Erdbeben des Tages draußen. Wenn Greta Schüsse aus den immer ferneren Straßen herüberklingen hört, denkt sie an die Studios ihrer frühen Karriere, sieht Tausende von Statisten, auf das Stichwort der Explosion hin, die überlebensgroßen Kulissen ihrer Träume überschwemmen, gefügig, folgsam, angetrieben von den Flintenschüssen, ein wogendes Auf und Nieder, das sich zu Mustern gruppiert, die der Vorstellung des Regisseurs vom Pittoresken entsprechen, ein endloser Strom von gelbgepuderten Gesichtern mit weißen Lippen, geschminkt nach den spektralen Wünschen des Materials der Zeit, eine schwitzende, gelbe Völkerwanderung, die immer und immer wieder an der Kamera vorbeizieht, nichts flieht und nirgendhin entkommt...
Es ist jetzt früh am Morgen. Slothrops Atem hängt weiß in der Luft. Er ist gerade von einem Traum erwacht. Teil I eines Gedichts, dessen Text von Holzschnitten begleitet wird - eine Frau besucht eine Hundeausstellung, auf der die Rüden auch zum Decken zur Verfügung stehen. Sie hat ihren Pekinesen mitgebracht, ein Weibchen mit einem Modenamen, der einen ganz krank macht, Mimsy oder Goo-Goo oder so was, um ihn bespringen zu lassen. Sie selbst wartet mit ein paar anderen bürgerlichen Damen in einem kleinen Garten, als sie plötzlich aus einem Zwinger ganz in der Nähe das Gewinsel ihrer Hündin hört, der es gerade kommt. Das Geräusch will nicht aufhören, dauert und dauert, viel länger, als angemessen scheint, und plötzlich wird ihr bewußt, daß es sich dabei um ihre eigene Stimme handelt, daß sie selbst es ist, die diesen endlosen Schrei hündischer Lust ausstößt. Die anderen Damen geben höflich vor, nichts zu bemerken. Sie schämt sich, aber sie ist hilflos, getrieben jetzt von der Begierde,
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