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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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hinauszurennen und andere Tierarten zum Ficken zu finden. Sie lutscht den Penis eines vielfarbigen Bastards, der auf der Straße versucht hat, sie zu besteigen. Auf einem brachliegenden Feld bei einem Stacheldrahtzaun, Winterfeuer hinter den Wolken, zwingt sie der Anblick eines großen Pferdes in die
    Knie, ganz passiv, um seine Hufe zu küssen. Katzen und Nerze, Hyänen und Karnickel ficken sie auf den Rücksitzen von Automobilen, nachts im einsamen Wald, draußen am Rand eines Wasserlochs in der Wüste.
    Als Teil II beginnt, hat sie gerade entdeckt, daß sie schwanger ist. Ihr Mann, ein tumber, gutmütiger Fliegentürenvertreter, trifft ein Abkommen mit ihr: was sie ihm verspricht, bleibt unerwähnt, doch als Gegenleistung wird er sie, von diesem Tag an in neun Monaten, überall hinbringen, wo sie möchte. So findet er sich, kurz vor dem Ende ihrer Zeit, in einem Ruderboot auf einem Fluß wieder, einem amerikanischen Fluß, er legt sich in die Riemen, er nimmt sie mit auf eine Reise. Die Schlüsselfarbe dieses Abschnitts ist Violett.
    Teil III sieht sie auf dem Grund des Flusses: sie ist ertrunken. Doch alle Arten von Leben erfüllen ihren Leib. "Als wäre sie ein Meerweib" (Vers 7), ziehen sie mit ihr durch die grünen Flußtiefen. "Zu Grunde ging sie, wurde frei. /Alt-Squalidozzi, Pflüger in der Tiefe, / Am Ende eines Tags der Saat, / Sieht grüngrau ihren Bauch im Kraut" (Verse 10-13) und trägt sie wieder nach oben. Er ist eine klassische, bärtige Neptunsgestalt mit einem uralten, heiteren Gesicht. Aus ihrem Körper strömt jetzt eine Flut der verschiedensten Lebewesen, Kraken, Rentiere, Känguruhs, "Wer weiß zu nennen all das Leben, / Das ihrem Leib entsprang an jenem Tag?" Squalidozzi kriegt nur einen Bruchteil des erstaunlichen Stroms mit, während er mit ihr auf dem Weg an die Oberfläche ist. Oben liegt ein ruhiger, sonnenbeschienener Teich oder Weiher mit grasbewachsenen, weidenbeschatteten Ufern. Insekten summen und schwirren. Die Schlüsselfarbe ist jetzt Grün. "Und hier, als sie durchstieß zur Sonne, / Fand ihr Leichnam im Wasser Schlaf, / Und in den sommerlichen Tiefen / Zogen ihre Geschöpfe davon, / Ein jedes zu seinem eigenen Liebsten, / Auf der Höhe des Nachmittags, / Im friedlichen Fluß..."
    Dieser Traum will ihn nicht loslassen. Er beködert seinen Haken, hockt sich am Ufer nieder, versenkt seine Angel in der Spree. Dann zündet er sich eine amerikanische Zigarette an und bleibt lange so sitzen, während der Nebel weiß durch die Häuser am Flußufer zieht, Kampfflugzeuge unsichtbar über den Himmel brummen und Hunde bellend durch die Hintergassen laufen.

[3.13] Toilettschiff 'Rücksichtslos'

    Wenn von Menschen geleert, ist das Innere stahlgrau. Wenn bevölkert, ist es grün, ein angenehmes Giftgrün. Sonnenlicht fällt durch die Bullaugen der oberen Decks (die Rücksichtslos hier hat eine permanente Schlagseite von 230 27'), stählerne Waschbecken säumen die tieferliegenden Schotten. Am Ende jeder Unterlatrine befinden sich eine Kaffeemesse und per Handkurbel zu bedienende Filmautomaten mit Schweinereien. Ältere, weniger glamouröse, ungermanisch aussehende Frauen kann man in den Geräten für die Mannschaftsdienstgrade betrachten. Die wirklich saftigen, auch rassisch einwandfreien Apparate sind den Offizieren vorbehalten, klar. Ein Stück von diesem Nazi-Fanatismus.
    Die Rücksichtslos selbst ist die Ausgeburt einer anderen Art von Fanatismus: dem des Spezialisten. Dieser Kahn hier ist ein Toilettenschiff, ein Triumph der deutschen Sucht nach Unterteilung. "Wenn das Haus organisch ist", argumentierten die frühen, kernigen Verfechter des Toilettenschiffgedankens, "dann lebt Familie im Haus, dann ist Familie organisch, das Haus davon das äußerliche, sichtbare Zeichen, kapiert", während sie hinter ihren getönten Brillen, unter ihren grauen Einheitshaarschnitten kein Wort davon glaubten, machiavellistisch und jugendfrisch, noch nicht ganz reif für die Paranoia. "Und wenn das Badezimmer Teil des Hauses ist, ist Haus organisch! Ha-hah!" singend, tadelnd, mit Fingern auf den vierschrötigen, blondgesichtigen Techniker mit Mittelscheitel und glatt zurückgeschlecktem Haar deutend, der tatsächlich errötet inmitten des humorig zahnenden Gelächters seiner Ko-Technologen, hätte er doch diesen springenden Punkt um ein Haar vergessen (Albert Speer, er selbst, der sich in einem grauen Anzug mit einer Spur Kreide am Ärmel, eine Hand in die Hüfte gestützt, im Hintergrund an die Wand

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