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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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den Raketenschußstellen. Heute begegnen sie sich zum erstenmal seit Kriegsende wieder, deshalb würde ich nicht erwarten, allzuviel von ihr zusehen... "
    "Tja, das hab ich alles nicht gewußt." Raketenschußsteilen? Die Hand der Vorsehung streckt sich zwischen den Sternen, zeigt Slothrop einen erhobenen Finger. "Während sie auf Achse waren, ließen sie Bianca bei uns, in Bydgoszcz. Sie hat ihre biestigen Augenblicke, aber sie ist wirklich ein bezauberndes Kind. Ich hab das Vaterspiel niemals mit ihr gespielt. Ich bezweifle, daß sie überhaupt einen Vater hat. Es war Parthenogenese, sie ist die reine Margherita, wenn das Wort ist, das ich suche."
    Der Abendanzug paßt wie angegossen, Stefania führt Slothrop über eine steile Treppe nach oben an Deck. Die Anubis fährt durch eine sternenhelle Landschaft. Hier und da ragen Scherenschnitte über den Horizont, eine Windmühle, Heuschober, eine Reihe von Schweinekoben, eine Baumzeile als Windschutz auf einem flachen Hügel... Es gibt Schiffe, die wir uns über reißende Schnellen träumen können, gegen die Strömungen ... unsere Sehnsucht sind Wind und Maschine ... "Antoni." Sie hat Slothrop zu einer hünenhaften Gestalt in einem Arbeitsanzug der polnischen Kavallerie geführt, die breitzähnig und leicht irre lächelt. "Amerikaner?" pumpendes Händeschütteln. "Bravo! Jetzt sind wir fast komplett. Jetzt sind wir wirklich ein Schiff aller Nationen. Wir haben sogar einen Japaner an Bord. Einen ehemaligen Verbindungsoffizier aus Berlin, der nicht mehr rechtzeitig über Rußland rausgekommen ist. Auf dem nächsten Deck finden Sie eine Bar. Jedes Bäumchen-wechsle-dich-" erdrückt Stefania an sich - "mit Ausnahme dieses einen, ist gestattet."
    Slothrop salutiert, nimmt an, daß die beiden unter sich sein wollen, und sucht die Leiter zur Bar. Die Bar ist mit festlichen Girlanden aus Blumen und Glühbirnen behängt und von Dutzenden von elegant gekleideten Passagieren bevölkert, die gerade, begleitet von der Kapelle, ein Lied in zügigem Tempo anstimmen:
    WILLKOMMEN AN BORD! Willkommen an Bord! Was ist das für 'ne Orgie, In die Sie da reingeplatzt sind, lieber Freund! Hier ist alles möglich, hier gibt's nur ein Ende, Und wenn Sie's verpassen, haben Sie's versäumt! Wie auf der Marie-Celeste ist das Verrückteste Das beste, und zu uns paßt wie die Gabel auf den Mist, Wer richtig laut und hysterisch ist! Hier gibt's Muttchens,
    die-sind-keine-Nuttchens, Kobern von ihren Töchtern,
    die-Macker-die-sie-möchten, Gutgewachsene Schwänze
    für-alle-Arten-Tänze, Mehr als dein Hirn verträgt, drum -
    Kommt an Bord der Titanic, genießt unsre Panik,
    Wenn der riesige Eisberg ins Schiff reinfließt,
    Und alles brüllt wie aufgespießt,
    Und alles singt und alles kracht -
    Was für eine Walpurgisnacht!
    Das wird das Ende der Party sein,
    Drum Willkommen-an-Bord, Freundchen, komm nur rein!
    Wirklich, hier stöhnen Paare gemeinsam in den Rettungsbooten, ein Besoffener schläft in der Markise über Slothrops Kopf, fette Burschen mit weißen Handschuhen und rosa Magnolien im Haar tanzen Bauch gegen Bauch und flüstern sich
    Wendisches ins Ohr, Hände grapschen in Satinkleidern herum. Kellner mit brauner Haut und Rehaugen zirkulieren mit Tabletts, auf welchen jede Menge Chemie und Hilfsmittel bereitliegen. Die Kapelle spielt ein Potpourri aus amerikanischen Foxtrotts. Der Baron de Mallakastra streut ein sinistres weißes Pulver in den Highball von Madame Sztup. Es ist die gleiche alte Kacke, die damals bei Raoul de la Perlimpinpin gelaufen ist, und soweit Slothrop weiß, ist es überhaupt dieselbe Party. Er erhascht einen Blick auf Margherita und Tochter, die aber von anderen Orgiengängern dermaßen umdrängt werden, daß er auf Abstand bleiben muß. Er weiß, daß er empfänglich ist, mehr als er's sein sollte, für die Reize hübscher kleiner Mädchen, deshalb ist er's auch so zufrieden. Denn diese Bianca ist wirklich eine Wucht: elf oder zwölf, dunkel und reizend, in einem roten Chiffonkleid, Seidenstrümpfen, hochhackigen Pumps, die Haare kunstvoll und perfekt hochgesteckt und mit einer Perlenschnur verwoben, um die funkelnden Kristallgehänge freizugeben, die an ihren winzigen Ohrläppchen baumeln ... Hilfe! Hilfe! Warum muß das immer ihm passieren? Der Nachruf im Time Magazine erscheint vor seinen Augen - Gestorben, Rocketman, knapp dreißig, in der Zone, an Lust.
    Die Frau, die versucht hat, Slothrop mit dem Schlachtermesser zu kappen, sitzt jetzt auf einem Poller und hält

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