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Die Feuer von Murano: Ein Venedig-Roman (German Edition)

Die Feuer von Murano: Ein Venedig-Roman (German Edition)

Titel: Die Feuer von Murano: Ein Venedig-Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Giuseppe Furno
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eine gigantische Welle überschwemmen. Das war die Macht. Und die Bürokratie hatte ihre Mauern ringsum errichtet, um sie zu schützen: Es gab über hundert Räte, Justizbehörden und Gerichte mit legislativer, exekutiver und rechtsprechender Gewalt, allesamt getragen von der Patrizierklasse, die im Rotationsverfahren die etwa achthundert Regierungsämter bekleidete. Außerdem gab es von Sekretären bis zu Buchhaltern, von Buchprüfern bis zu Notaren ein Heer aus Beamten im Rang von Bürgern, von denen jeder in seinem kleinen Reich uneingeschränkte Macht ausübte und einen Menschen zugrunde richten oder retten konnte.
    Die Idee kam ihm urplötzlich, verbunden mit dem befriedigenden Gefühl, ein gerechtes Opfer zu bringen. Er überlegte, dass er nur aus eigener Kraft etwas erreichen konnte. Er und Bernardo. Doch erst musste er die Situation klären, mit dem Arsenalotto darüber sprechen, und es musste schnell gehen, denn am nächsten Tag war Karnevalsdienstag, das letzte große Fest im Karneval und genau der richtige Tag, um Sofia aus der Hölle von San Servolo zu befreien.

103
    Loredana Marcello, die Gattin von Alvise Mocenigo, hatte an alles gedacht. Es war mitnichten einfach gewesen, dieses Fest zu Ehren des Dragoman und Müteferrika Mahmut Bey und des Ambassadeur extraordinaire Claude du Bourg zu organisieren. Zum Beispiel hatte es fast eine Woche gedauert, bis der Senat, der Rat der Zehn und die Savi des Pien Collegio ihre Einwilligung gegeben hatten, damit die beiden Diplomaten an einem privaten Ort wie dem Haus der Mocenigos auf der Giudecca empfangen und bewirtet werden konnten. Denen, die Mocenigo gutwillig oder in böser Absicht nach dem Grund für so viel Großzügigkeit fragten, antwortete er fast beleidigt, aber mit unverhohlenem Stolz: »Für die heilige, gesegnete Serenissima natürlich!«
    Dass dies nicht der einzige Grund war, erkannte man sofort, wenn man Alvise Mocenigo dabei beobachtete, wie er Mahmut Bey und Claude du Bourg empfing, als sie aus dem Boot stiegen. Er gerierte sich ganz und gar als Doge, beginnend mit der Art, wie er, in das purpurfarbene Gewand des Procuratore gehüllt, feierlich einherschritt. Und er trug den majestätischen, selbstgewissen Gesichtsausdruck des Menschen zur Schau, der einen Gutteil seines Lebens damit zugebracht hat, mit den Großen der Welt zu verhandeln. Allen, die ihn so aufgeputzt und vorbereitet sahen, wurde klar, dass Mocenigo der fünfundachtzigste Doge der Republik Venedig sein würde.
    Loredana gab dem Maestro der Feuerwerke ein Zeichen, und die Luft füllte sich mit Kanonenschlägen. Der klare Himmel wurde von weißen Pinselstrichen betupft, die sich, vom Wind zerzaust, sofort in die Länge zogen. Und die Musiker feierten den Empfang mit Querpfeifen und Trommeln.
    Mahmut Bey fühlte sich geehrt von so viel verschwenderischer Großzügigkeit, ja, in seinem Herzen schwand sogar das Misstrauen gegen diese Venezianer, die ihn nach der langenQuarantäne im Lazzaretto immer noch ausspionierten und Tag und Nacht überwachten. Er begann lächelnd die Verbeugungen derer zu erwidern, die sich näherten, um ihn ehrerbietig zu begrüßen. Und Claude du Bourg, sein Begleiter, Erfinder und Organisator dieser diplomatischen Reise, die so unerfreulich begonnen hatte, jubelte insgeheim über den unerwarteten Erfolg, während er Arnaud du Ferrier, dem Botschafter Frankreichs in Venedig, triumphierende Blicke voller Genugtuung zuwarf.
    »Machiavelli besaß keinerlei moralischen Tugenden«, sagte der Nuntius Facchinetti, einen perlenden Weißwein schlürfend und den Blick starr auf das gerichtet, was sich im Garten abspielte, wo die Gäste sich anschickten, den spektakulären Kraft- und Gleichgewichtsübungen der Herkules-Wettkämpfe beizuwohnen.
    »Moralische Tugend ist ein großes Wort, das alles und nichts besagt«, tönte Alvise Mocenigo. »Ist nicht auch die Wölfin, die das Schaf zerfleischt, um ihre Kinder zu ernähren, voll moralischer Tugend?« Alvise neigte sich leicht zu dem Prälaten vor und erhob das Glas, um dem Botschafter du Ferrier zu antworten, der den beiden zuprostete.
    Hoffentlich verschluckst du dich, verruchter Calvinist, dachte der Nuntius, während er lächelnd das Glas zu dem Franzosen erhob. Dann wandte er sich Mocenigo zu, um ihm zu antworten. »Bringt die Dinge nicht durcheinander, geschätzter Freund, wir sprechen von Menschen, nicht von Tieren. Von Vernunft, nicht von Instinkt.«
    »Der Überlebensinstinkt gehört zu beiden, Eccellenza«,

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