Die Feuer von Murano: Ein Venedig-Roman (German Edition)
offiziellen Anstrich bekam. Seit zwei Monaten ging er nicht mehr dort hinunter, denn lange vor der Explosion hatten er und der andere Gefängnisanwalt, Giacomo Zon, die vielen städtischen Gefängnisse unter sich aufgeteilt: von den einstigen Getreidespeichern der Tera Nova über die sechs Casóni der Stadtviertel bis zu den Gefängnissen von Rialto und Murano. Also ließ Andrea, vor dem Tor der Avogarìa angekommen, einen Schlüssel am Gitter erklingen und hörte sofort die Schritte des Wächters, der die Treppe heraufkam.
Ein Junge erschien, einer von der letzten Anwerbung neuer Wächter, der sich beeilte, sobald er Andrea erblickte, weil er wusste, dass der Gefängnisanwalt ein Botschafter der Justiz war, dem jede Zelle und jeder Gang zu öffnen waren, damit er alle Bitten und Anliegen der Gefangenen anhören konnte.
»Seid gegrüßt, Eccellenza!«, sagte er übertrieben ehrerbietig, während er den großen Schlüssel im Schloss umdrehte und das Tor aufriss.
»Guten Tag«, antwortete Andrea knapp im verhaltenen Ton eines Menschen, der mit anderen Gedanken beschäftigt ist. Er wartete, bis der Wächter das Tor wieder geschlossen hatte, dann folgte er ihm auf der steilen Treppe, die zu den Pozzi hinunterführte.
Mehrere Gittertüren wurden geöffnet und geschlossen, vor der letzten blieb der Wächter stehen. Dahinter wartete der Assassino, der Dienst in den unteren Pozzi hatte, mit einer Fackel in der Hand. Andrea ging mit ihm die siebzehn Stufen in das Untergeschoss hinab.
»Öffnet«, sagte er, als sie den Eingang zur achten Zelle, der Grabkammer, am Ende der Treppe erreicht hatten. Mit der höflichen Anredeform wahrte er einen gewissen respektvollen Abstand, den die anderen Anwälte Untergebenen nicht gewährten. Seine Stimme, ein tönender Tropfen in der Leere der Pozzi, drang durch das Guckloch und erreichte Mehmet Hasan, der auf dem Strohlager lag. Wie ein Tier in Erwartung der Fütterung postierte er sich sofort vor dem Guckloch. Er begriff, dass dies der Gefängnisanwalt sein musste, im Licht der Fackel konnte er seine schwarze Toga erkennen. »Öffnet, habe ich gesagt«, wiederholte Andrea mit angespannter Stimme.
»Ich habe Befehl, den Gefangenen isoliert zu halten, Messer Loredan«, protestierte der Wächter schwach.
Es war das erste Mal, dass Andrea der Zugang zu einer Zelle verwehrt wurde. »Öffnet diese Tür, Wächter, denn es ist meine Pflicht, mich über jeden Befehl hinwegzusetzen, wer auch immer ihn Euch gegeben hat. Das verlangt die christliche Barmherzigkeit, das schreibt das Gesetz der Serenissima vor, und das werdet Ihr befolgen.«
»Ich muss Bericht darüber erstatten.«
»Erstattet ruhig Bericht, aber jetzt macht auf.«
Der Assassino schien zu zögern, doch dann beugte er den Rücken, nahm die zwei Schlüssel, die an seinem Gürtel hingen und öffnete den doppelten Riegel. Das Türchen öffnete sich knarrend, und das Erste, was Mehmet sah, war die Flamme der Fackel, die die Zelle und das Gesicht des Wärters beleuchtete.
»Schön brav, Besuch ist da!«, fauchte der ihm ins Gesicht wie einem wilden Tier. Nachdem er die Zelle inspiziert hatte, zog der Assassino sich zurück, nahm eine an der Wand hängende Öllampe, brachte den Docht der Flamme an seine Fackel und zündete ihn an.
»Nehmt, Eccellenza, da drinnen ist es dunkel«, sagte er, sich demütig und unterwürfig gebend, während er Andrea die Lampe überreichte. »Ich warte hier, ruft mich, wenn Ihr mich braucht«. Innerlich aber kostete er schon den Moment aus, in dem dieser hassenswerte, arrogante Anwalt den bestialischen Gestank erleben würde, der in der Zelle herrschte.
Andrea nahm die Leuchte und bückte sich, um in die Zelle zu kriechen. Sein erster Atemzug war ein Hustenanfall, begleitet vom Impuls, sofort die Flucht zu ergreifen. Der Assassino unterdrückte ein Lachen. Der zweite Atemzug vermittelte ihm einen präzisen Eindruck von der Qual, die die armen Gefangenen erleiden mussten, die in der Grabkammer und in allen anderen fensterlosen Zellen eingesperrt waren, wo Urin, Fäkalien, Schimmel und Fäulnis sich zu einem pestilenzialischen Gestank verbanden. Beim dritten Atemzug war Andrea in der Zelle, und das Entsetzen wurde schwächer, was die beträchtliche Anpassungsfähigkeit von Geist und Körper beweist. Mehmet Hasan hatte sich vor ihm zu Boden geworfen, als betete er in Richtung Mekka.
»Erhebt Euch«, befahl Andrea in der osmanischen Sprache, die er vom Großkanzler Ottobon gelernt und während eines
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