Die Geliehene Zeit
zur Arbeit bestimmt.
»Na schön«, sagte ich und machte einen vorsichtigen Schritt über ein Rinnsal, das den Trampelpfad kreuzte. »Meinetwegen. Trotzdem, weshalb ›Lallybroch‹? Weshalb ist es ein träger Turm?«
»Weil er ein bißchen schief steht«, erwiderte Jamie. Er ging vor mir her, den Kopf etwas gesenkt, da er sich auf den Weg konzentrieren mußte. Ein paar Strähnen seines rotgoldenen Haares bewegten sich in der leichten Nachmittagsbrise. »Vom Haus aus erkennt man es nicht so gut, aber wenn man auf der Westseite steht, sieht man, daß er sich ein bißchen nach Norden neigt.«
»Vermutlich kannte man im dreizehnten Jahrhundert noch kein Senklot«, gab ich zurück. »Ein Wunder, daß er noch steht.«
»Oh, er ist schon mehrmals eingestürzt«, erwiderte Jamie mit etwas lauterer Stimme, denn der Wind frischte auf. »Die Leute, die hier lebten, haben ihn einfach wieder aufgebaut; wahrscheinlich ist er deshalb so schief.«
»Ich seh’s, ich seh’s!« ertönte Fergus’ schrille Stimme hinter mir. Er hatte auf seinem Pferd sitzenbleiben dürfen, da sein Fliegengewicht dem Tier wohl kaum etwas ausmachte. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie er auf dem Sattel kniete und vor Freude auf und nieder hopste. Sein Pferd, eine gutmütige rotbraune Stute, gab ein mißbilligendes Schnauben von sich, warf ihn aber netterweise nicht ab. Seit seinem Erlebnis mit dem Percheron-Fohlen in Argentan hatte Fergus jede sich bietende Gelegenheit wahrgenommen, auf ein Pferd zu steigen, und Jamie, selbst ein Pferdenarr, hatte dem Jungen amüsiert nachgegeben und ihn hinter sich auf dem Sattel sitzen lassen, wenn er durch die Straßen von Paris ritt. Ab und zu hatte er ihm auch erlaubt, allein auf eines von Jareds Kutschenpferden zu steigen, große, träge Tiere, die Fergus’ Tritte und Rufe mit verständnislosem Ohrenwackeln quittiert hatten.
Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab und sah in die Richtung, in die er zeigte. Und tatsächlich: von seiner höheren Warte aus hatte er die dunklen Umrisse des alten Steinturms auf dem Hügel entdeckt. Das neuere Herrenhaus unterhalb war schwerer zu erkennen; es war aus weißgekalktem Stein gebaut, und die Hausmauer und die Felder ringsum glänzten im Sonnenlicht. Das Haus lag inmitten von Gerstenfeldern in einer Senke und war von einer Reihe von Bäumen, die den Windschutz eines Feldes bildeten, teilweise noch verdeckt.
Jamie hob den Kopf, und als er das wohlvertraute Gutshaus von Lallybroch entdeckte, hielt er inne. Eine Weile blieb er reglos und schweigend stehen, doch ich sah, wie sich seine Schultern strafften. Der Wind wirbelte seine Haare durcheinander und hob sein Plaid in die Luft, als ob er im nächsten Augenblick abheben würde wie ein fröhlicher Drachen.
Es erinnerte mich an die windgeblähten Segel der Schiffe, die aus dem Hafen von Le Havre ausliefen und hinter der Landzunge in See stachen. Ich hatte am Kai gestanden und das geschäftige Treiben beobachtet.
Jared Munro Fraser hatte neben mir gestanden und zufrieden zugesehen, wie das wertvolle Frachtgut - auch sein eigenes - verladen und gelöscht wurde. Mit einem seiner Schiffe, der Portia, würden wir nach Schottland fahren. Jamie hatte mir gesagt, daß jedes von Jareds Schiffen den Namen einer seiner Geliebten trage und daß die geschnitzten Galionsfiguren stets eine gewisse Ähnlichkeit mit der jeweiligen Dame aufwiesen. Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete den Schiffsbug, unschlüssig, ob Jamie mich vielleicht nur necken wollte. Wenn nicht, dann hatte Jared wohl eine Vorliebe für üppige Frauen.
»Ich werde euch beide vermissen«, sagte Jared nun schon zum viertenmal innerhalb der letzten halben Stunde. Man sah ihm sein Bedauern förmlich an, sogar seine lustige Nase schien weniger steil nach oben zu weisen als gewöhnlich. Die Fahrt nach Deutschland war ein voller Erfolg gewesen. Jareds Halstuch zierte ein großer Diamant, und sein Rock war aus dickem flaschengrünem Samt und hatte silberne Knöpfe.
»Nun ja«, sagte er und schüttelte den Kopf. »So gern ich den Burschen bei mir behalten würde, ich gönne ihm die Freude, daß er endlich wieder nach Hause kommt. Vielleicht besuche ich euch eines Tages, meine Liebe; ich war schon lange nicht mehr in Schottland.«
»Tja, ich werde dich auch vermissen«, sagte ich wahrheitsgemäß. Auch andere würde ich vermissen - Louise, Mutter Hildegarde, Herrn Gerstmann und vor allem Maître Raymond. Dennoch freute ich mich darauf, nach Schottland, nach
Weitere Kostenlose Bücher