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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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nächste Wäldchen war über hundert Meter entfernt hinter einem kleinen Haufen Steine, vielleicht den Überresten eines eingestürzten Schornsteins. Wölfe gab es in diesem offenen Gelände so gut wie gar nicht, und auf diese Entfernung konnte kein Fuchs oder Dachs ein Pferd in Unruhe versetzen.
    Jamie gab den Versuch auf, die Stute vorwärtszuziehen, und führte sie einmal im Halbkreis; willig folgte sie ihm in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
    Er gab Murtagh ein Zeichen, die anderen Pferde beiseite zu führen, dann schwang er sich in den Sattel. Eine Hand in die Mähne des Tieres gekrallt, beugte er sich vor und trieb es langsam an, während er ihm etwas ins Ohr flüsterte. Zögernd, doch ohne Widerstand,
folgte das Pferd, bis es an derselben Stelle wieder stehenblieb und witterte. Nichts konnte die Stute dazu bewegen, einen Schritt weiter zu gehen.
    »Also gut«, meinte Jamie resigniert. »Wie du willst.« Er führte die Stute in das Feld. Die gelben Ähren streiften das zottige Fell ihres Bauches. Wir folgten, und die Tiere beugten den Kopf und schnappten hie und da nach einem Maulvoll Körnern, während wir durch das Feld ritten.
    Als wir einen kleinen Granitfelsen unterhalb des Hügelrückens umrundet hatten, hörte ich ein kurzes warnendes Bellen. Am Weg angelangt, sahen wir einen Schäferhund, der uns mit gerecktem Kopf und steif aufgestelltem Schwanz argwöhnisch beobachtete.
    Er bellte noch einmal kurz, und da tauchte zwischen den Erlen noch ein Hund auf, gefolgt von einer großgewachsenen schlanken Gestalt, die in ein braunes Jagdplaid gehüllt war.
    »Ian!«
    »Jamie!«
    Jamie warf mir die Zügel des Pferdes zu und rannte auf seinen Schwager zu. Mitten auf dem Weg fielen sie sich in die Arme, lachten und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Auch die Hunde tollten jetzt ausgelassen und mit glücklich wedelnden Schwänzen um sie herum und beschnüffelten neugierig die Beine der Pferde.
    »Wir haben euch erst morgen erwartet«, sagte Ian und strahlte über das ganze Gesicht.
    »Wir hatten günstigen Wind«, erklärte Jamie. »Das meinte jedenfalls Claire; ich selbst habe nicht so aufgepaßt.« Er warf mir einen kurzen Blick zu und grinste, und Ian kam auf mich zu, um mir die Hand zu drücken.
    »Schwägerin«, begrüßte er mich förmlich. Dann lächelte er, und seine brauen Augen strahlten vor Güte und Wärme. »Claire.« Spontan küßte er mir die Hand, und ich drückte die seine.
    »Jenny putzt und kocht wie verrückt«, erzählte er, noch immer lachend. »Ihr könnt froh sein, wenn ihr ein Bett für heute nacht findet; sie hat alle Matratzen nach draußen gebracht, um sie auszuklopfen.«
    »Nach drei Nächten im Heidekraut würde es mir auch nichts ausmachen, auf dem Boden zu schlafen«, versicherte ich ihm. »Sind Jenny und die Kinder wohlauf?«

    »Aye. Sie ist wieder schwanger.« Und er fügte hinzu: »Im Februar ist es soweit.«
    »Schon wieder?« riefen Jamie und ich gleichzeitig, und Ians schmale Wangen wurden von einer tiefen Röte überzogen.
    »Gott, eure Maggie ist doch noch kein Jahr alt«, sagte Jamie und hob tadelnd eine Augenbraue. »Kannst du dich denn gar nicht beherrschen?«
    »Ich?« gab Ian entrüstet zurück. »Du glaubst wohl, ich hätte etwas damit zu tun?«
    »Tja, wenn nicht, dann sollte es dich doch interessieren, wer es dann war«, meinte Jamie grinsend.
    Ians Gesicht wurde tiefrot, was gut zu seinem glatten braunen Haar paßte. »Du weißt ganz genau, was ich meine«, erwiderte er. »Ich habe zwei Monate lang mit dem kleinen Jamie im Rollbett geschlafen, aber dann hat Jenn...«
    »Willst du etwa sagen, daß meine Schwester eine liederliche Person ist, hm?«
    »Ich sage nur, sie ist so stur wie ihr Bruder, wenn sie ihren Kopf durchsetzen will«, erwiderte Ian. Er machte einen Satz zur Seite, beugte sich leicht nach hinten und landete einen sanften Tritt mitten in Jamies Magen. Jamie krümmte sich lachend.
    »Dann ist es ja gut, daß ich wieder da bin«, sagte er. »Ich helfe dir, sie im Zaum zu halten.«
    »Ach, tatsächlich?« fragte Ian skeptisch. »Dann rufe ich alle Pächter zusammen - das dürfen sie sich nicht entgehen lassen.«
    »Du suchst verirrte Schafe, stimmt’s?« wechselte Jamie das Thema und deutete auf die Hunde und auf Ians langen Stock, der auf der Erde lag.
    »Fünfzehn, dazu einen Bock«, nickte Ian. »Jennys Merinoherde, die sie wegen der Wolle hält. Der Bock ist ein richtiges Mistvieh; er hat das Gatter eingerammt. Ich dachte, sie seien

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