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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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ruhig und legte seinen Arm um mich, während wir hinuntergingen.
    Und ich schaute nicht zurück.
     
    Jamie, Fergus und Murtagh begaben sich mit Ian und den Hunden auf die Suche nach den Schafen und überließen es mir, die Pferde zum Haus hinunterzuführen. Ich war keineswegs geübt im Umgang mit ihnen, aber ich traute es mir zu, knapp einen Kilometer allein mit den Pferden zurückzulegen, solange nichts Unvorhergesehenes dazwischenkam.

    Diesmal war es ganz anders als bei unserer ersten Heimkehr. Damals waren wir beide auf der Flucht gewesen: ich vor der Zukunft, Jamie vor seiner Vergangenheit. Wir hatten hier eine glückliche Zeit verbracht, wenn auch in ständiger Anspannung und Unsicherheit; es drohte immer die Gefahr, daß wir entdeckt würden und Jamie verhaftet werden würde. Dank der Hilfe des Herzogs von Sandringham war Jamie nun heimgekehrt, um sein Erbe anzutreten, und ich, um meinen rechtmäßigen Platz als seine Frau einzunehmen.
    Damals waren wir erschöpft und vollkommen unerwartet angekommen und hatten das ganze Haus durcheinandergebracht. Diesmal waren wir angekündigt, wie es sich gehörte, und brachten Geschenke aus Frankreich mit. Ich war zwar sicher, daß man uns herzlich empfangen würde, doch fragte ich mich, wie Ian und Jamies Schwester damit zurechtkommen würden, daß wir nun für immer blieben. Schließlich hatten sie die letzten Jahre als Herr und Herrin von Haus und Hof gelebt - seit dem Tod von Jamies Vater und den katastrophalen Ereignissen, die Jamie zu einem Leben als Ausgestoßener und Verbannter gezwungen hatten.
    Ich überwand den letzten Hügel ohne Zwischenfall, und das Herrenhaus mit seinen Nebengebäuden lag jetzt vor mir. Die schiefergedeckten Dächer wurden bereits von den ersten aufziehenden Regenwolken verdunkelt. Plötzlich scheute meine Stute, woraufhin ich ebenfalls zusammenzuckte und mich bemühte, die Zügel festzuhalten, während sie sich in Panik immer wieder aufbäumte.
    Was ich ihr allerdings nicht verdenken konnte. Denn an einer Ecke des Hauses waren zwei riesige Ungetüme aufgetaucht und rollten wie überdimensionale Wolken am Boden entlang.
    »Schluß jetzt!« rief ich. »Brr!« Alle Pferde waren jetzt außer Rand und Band und kurz davor durchzugehen. Eine feine Heimkehr, dachte ich, wenn sich Jamies neue Zuchtpferde jetzt allesamt die Beine brachen.
    Eine der Wolken erhob sich ein wenig, dann fiel sie flach auf den Boden, und Jenny Fraser Murray, nunmehr befreit von der Federmatratze, die sie getragen hatte, stürmte auf mich zu.
    Ohne einen Augenblick zu zögern, ergriff sie die Zügel des erstbesten Pferdes und zog daran mit ganzer Kraft.
    »Brr!« rief sie. Das Pferd, dem der befehlsgewohnte Ton offensichtlich Respekt einflößte, blieb sofort stehen. Nun war es ein
leichtes, auch die anderen Pferde zu beruhigen, und während ich abstieg, eilten noch eine Frau und ein Junge von neun oder zehn Jahren herbei, die sich mit geübter Hand um die Tiere kümmerten.
    Ich erkannte den jungen Rabbie MacNab und schloß daraus, daß die Frau seine Mutter Mary sein mußte. Das Versorgen der Pferde, die Bergung der Bündel und Matratzen verhinderten jedes Gespräch, aber ich fand Zeit, Jenny zur Begrüßung wenigstens kurz zu umarmen. Sie roch nach Zimt und Honig und nach frischem Schweiß, hinzu kam ein Hauch von Babyduft, jener eigenartige Geruch aus aufgestoßener Milch, feuchten Windeln und reiner, weicher Kinderhaut.
    Wir hielten uns einen Augenblick fest umschlungen und dachten an unsere letzte Umarmung, als wir am Rande eines Wäldchens in nächtlicher Dunkelheit Abschied genommen hatten - ich, um Jamie zu suchen, und sie, um zu ihrer neugeborenen Tochter zurückzukehren.
    »Wie geht’s der kleinen Maggie?« fragte ich und löste mich aus der Umarmung.
    Jenny schnitt eine Grimasse und meinte dann, nicht ohne Stolz: »Sie fängt schon an zu laufen und ist eine rechte Plage.« Sie blickte die leere Straße hinauf und sagte: »Ihr habt Ian unterwegs getroffen, nicht wahr?«
    »Ja, Jamie, Murtagh und Fergus sind mit ihm gegangen, um die Schafe zu suchen.«
    »Besser sie als wir«, erwiderte sie mit einer knappen Geste zum Himmel hinauf. »Es kann jeden Augenblick anfangen zu regnen. Rabbie soll die Pferde in den Stall bringen, und du hilfst mir mit den Matratzen, sonst müssen wir heute nacht alle im Feuchten schlafen.«
    Es folgte hektische Geschäftigkeit, doch als es endlich anfing zu regnen, saßen Jenny und ich bereits gemütlich im Salon und packten die Pakete

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