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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Vergleich zu anderen Hochlandgütern. Es gab nicht einmal richtige Straßen, doch die Post erreichte uns trotzdem. Der Briefträger war unsere einzige Verbindung zur Außenwelt. In meiner Erinnerung erschien mir die Welt draußen manchmal als etwas Unwirkliches, als hätte ich niemals im Spiegelsaal von Versailles getanzt. Doch die Briefe brachten mir Frankreich zurück, und während ich sie las, konnte ich im Geist die Pappeln in der Rue Tremoulins sehen oder das Dröhnen der Kathedralenglocken im Höpital des Anges hören.
    Louise hatte inzwischen ein gesundes Kind zur Welt gebracht, einen Sohn. Ihre Briefe, gespickt mit Ausrufezeichen und Unterstreichungen, sprühten vor Begeisterung über den engelsgleichen Henri. Von seinem Vater, dem vermeintlichen oder dem echten, war nie die Rede.
    In Charles Stuarts Brief wiederum, der einen Monat danach eintraf, wurde das Kind mit keiner Silbe erwähnt. Doch Jamie meinte, der Brief sei noch wirrer als sonst und schwelge in hochtrabenden, unausgegorenen Plänen.
    Der Graf von Mar schrieb nüchtern und umsichtig, machte aber aus seinem Ärger über Charles keinen Hehl. Der Bonnie Prince wußte sich nicht zu benehmen. Er war grob und herrisch gegenüber
seinen getreuesten Gefolgsleuten, ließ jene, die ihm nützlich hätten sein können, links liegen, war ungezügelt in seiner Rede, und - wie man zwischen den Zeilen lesen konnte - er trank zuviel. In Anbetracht der allgemeinen Ansichten jener Zeit, was den Alkoholkonsum von Herren von Stand betraf, mußten Charles’ Trinkgewohnheiten höchst beeindruckend sein, wenn sie eigens erwähnt wurden. Vermutlich war ihm die Geburt seines Sohnes nicht entgangen.
    Mutter Hildegarde schrieb auch ab und zu; es waren knapp gehaltene Mitteilungen, die sie in den wenigen Minuten niederschrieb, die sie sich während eines ausgefüllten Tages abringen konnte. Ihre Briefe schlossen stets mit den gleichen Worten: »Bouton läßt ebenfalls grüßen.«
    Maître Raymond schrieb zwar nicht, doch trafen gelegentlich an mich adressierte Briefe ein, ohne Absender und ohne Gruß, die seltsame Dinge enthielten; seltene Kräuter und kleine geschliffene Kristalle; Steine, jeder so groß wie Jamies Daumennagel, glatt und scheibenförmig. In jeden dieser Steine war auf eine Seite eine winzige Figur gemeißelt, und manche trugen außerdem eine Inschrift oberhalb des Bildes oder auf der Rückseite. Und dann Knochen - eine Bärenzehe mit der großen gekrümmten Klaue daran; das vollständige Rückgrat einer kleinen Schlange; bis hin zu etwas, das einem menschlichen Backenzahn verdächtig ähnlich sah.
    Ab und zu steckte ich mir ein paar der glatten Steine in die Tasche, denn sie fühlten sich angenehm an. Daß sie alt sein mußten, wußte ich. Mindestens aus der Römerzeit, vielleicht sogar noch älter. Und den Figuren nach zu urteilen, mußte man ihnen magische Fähigkeiten zugeschrieben haben. Ob sie tatsächlich etwas bewirkten oder - wie etwa die Zeichen der Kabbala - lediglich symbolische Bedeutung hatten, das wußte ich nicht. Jedenfalls schienen sie mir eher freundlich gesonnen, und so bewahrte ich sie auf.
    Ich verrichtete die täglich anstehenden Arbeiten im Haushalt gern, doch am liebsten mochte ich die langen Spaziergänge zu den Katen im Umkreis. Bei diesen Rundgängen hatte ich stets einen großen Korb mit einer Vielzahl von Dingen dabei, von kleinen Mitbringseln für die Kinder bis zu den Arzneimitteln, die häufig benötigt wurden. Denn aufgrund der Armut und der schlechten hygienischen Verhältnisse waren Krankheiten weit verbreitet, und nördlich von Fort William und südlich von Inverness gab es keine Ärzte.

    Manche Krankheiten konnte ich behandeln, zum Beispiel Zahnfleischbluten und Hautausschlag im Frühstadium von Skorbut. Anderes dagegen überstieg meine Heilkräfte.
     
    Ich legte meine Hand auf Rabbie MacNabs Kopf. Sein struppiges Haar war an den Schläfen feucht, doch sein Mund war offen, locker und entspannt, und der Pulsschlag am Hals ging langsam.
    »Es geht ihm jetzt gut«, sagte ich. Das sah auch seine Mutter; friedlich schlafend lag er da. Sie entspannte sich.
    »Der heiligen Muttergottes sei Dank!« murmelte Mary MacNab und bekreuzigte sich flüchtig, »und Ihnen auch, Herrin.«
    »Ich habe doch gar nichts gemacht«, widersprach ich. Das stimmte tatsächlich; der einzige Dienst, den ich dem jungen Rabbie erweisen konnte, bestand darin, daß ich seine Mutter bat, ihn in Ruhe zu lassen. Es hatte mich in der Tat einiges an

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