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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Überredungskunst gekostet, sie davon abzuhalten, ihm mit Hahnenblut vermischte Kleie einzuflößen, mit versengten Federn unter seiner Nase herumzuwedeln oder ihn mit kaltem Wasser zu begießen - denn keine dieser Methoden schien besonders angezeigt bei einem epileptischen Anfall. Als ich kam, hatte seine Mutter wortreich bedauert, daß sie nicht das wirkungsvollste Mittel anwenden konnte - Quellwasser, das der Patient aus dem Schädel eines Selbstmörders zu trinken hatte.
    »Es erschreckt mich immer so, wenn er diese Anfälle bekommt«, meinte Mary MacNab und blickte sehnsüchtig auf das Bett, in dem ihr Sohn lag. »Letztesmal habe ich Vater MacMurtry geholt, und er hat ein furchtbar langes Gebet gesprochen und ihn mit Weihwasser besprengt, um die Teufel auszutreiben. Aber jetzt sind sie doch zurückgekehrt.« Sie rang die Hände, als ob sie am liebsten ihren Sohn streicheln würde, es aber nicht fertigbrächte.
    »Es sind keine Teufel«, erwiderte ich. »Es ist nur eine Krankheit, und gar keine besonders schlimme.«
    »Aye, Herrin, wenn Sie das sagen«, murmelte sie. Offensichtlich war sie nicht überzeugt, wollte mir aber auch nicht widersprechen.
    »Es wird ihm bald wieder gutgehen«, versuchte ich, die Frau zu beschwichtigen, ohne ihr falsche Hoffnungen zu machen. »Er hat sich doch von solchen Anfällen immer wieder erholt, nicht wahr?« Die Anfälle hatten vor zwei Jahren angefangen - wohl infolge von Kopfverletzungen, die ihm sein seliger Vater zugefügt hatte -, und
wenn sie auch nicht sehr häufig auftraten, so jagten sie seiner Mutter doch jedesmal wieder Angst und Schrecken ein.
    Sie nickte widerstrebend.
    »Aye... obwohl er sich immer den Kopf anschlägt, wenn er sich so hin und her wirft.«
    »Ja, das ist nicht ungefährlich«, nickte ich geduldig. »Wenn es wieder passiert, müssen Sie zusehen, daß er sich nicht irgendwo anstoßen kann, und ihn dann allein lassen. Ich weiß, daß es fürchterlich anzusehen ist, aber danach geht es ihm wieder gut. Warten Sie einfach ab, bis der Anfall vorbei ist, dann legen Sie Rabbie ins Bett und lassen ihn schlafen.« Ich wußte, daß meine Worte nur wenig ausrichten konnten. Um Mary zu überzeugen, bedurfte es eines handfesten Beweises.
    Als ich mich zum Gehen wandte, hörte ich ein Klicken in der tiefen Tasche meines Rockes, und da kam mir plötzlich eine Idee. Ich griff hinein und holte ein paar der Zaubersteinchen heraus, die Raymond mir geschickt hatte. Ich wählte das milchig weiße - Chalcedon vermutlich -, auf dem ein sich krümmender Mann dargestellt war. Dafür ist es also gedacht, schoß es mir durch den Kopf.
    »Nähen Sie ihm diesen Stein in die Tasche«, sagte ich und drückte der Frau den winzigen Talisman in die Hand. »Er wird ihn vor... vor Teufeln schützen.« Ich räusperte mich. »Sie brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen, auch wenn er wieder so einen Anfall hat; er wird ihn unversehrt überstehen.«
    Als ich beim Abschied mit einem Schwall von Dankesworten überschüttet wurde, kam ich mir ausgesprochen albern vor, war aber gleichzeitig zufrieden. Ich war nicht ganz sicher, ob ich nun eine immer bessere Heilerin wurde oder nur geübter Scharlatan. Aber wenn ich schon nichts für Rabbie tun konnte, so konnte ich doch wenigstens seiner Mutter helfen - oder ihr dabei helfen, sich selbst zu helfen. Heilung geht vom Kranken selbst aus, nicht vom Arzt. Das hatte mir Raymond beigebracht.
     
    Und so machte ich mich auf zu meinen weiteren Besuchen, nämlich zu zwei Katen auf der Westseite des Guts. Doch bei den Kirbys und den Weston Frasers waren alle wohlauf, und schon bald begab ich mich auf den langen Nachhauseweg. Oben auf dem Hang setzte ich mich unter eine große Buche und ruhte mich einen Augenblick aus.
Die Sonne stand bereits tief am Himmel, hatte die Kiefern auf der Hügelkette westlich von Lallybroch aber noch nicht erreicht. Es war schon später Nachmittag, und die Landschaft erstrahlte in kräftigen Herbstfarben.
    Als ich mich gegen den glatten Stamm einer Buche lehnte und die Augen schloß, verwandelte sich das helle Leuchten der reifen Gerstenfelder hinter meinen Augenlidern in ein glühendes Dunkelrot.
    Die stickigen Räume der bäuerlichen Katen hatten mir Kopfschmerzen verursacht. Den Kopf an den Baum gelehnt, begann ich langsam und tief zu atmen. Meine Lungen füllten sich mit frischer Luft, und ich überließ mich dem, was ich meine »Einkehr« nannte.
    Es war mein unvollkommener Versuch, jenen Prozeß zu wiederholen, den

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