Die Geliehene Zeit
Maître Raymond mir im Hôpital des Anges gezeigt hatte: eine Übung, bei der ich den Blick nach innen richtete und versuchte, jede Faser meines Körpers zu spüren, indem ich mir die verschiedenen Organe und ihre Funktionen genau vorstellte.
Ich saß ganz ruhig, meine Hände lagen entspannt in meinem Schoß, und ich lauschte auf den Schlag meines Herzens. Es pochte zuerst schnell vom Aufstieg, aber bald schlug es langsam und gleichmäßig. Die herbstliche Brise blies mir in den Nacken und kühlte meine glühend heißen Wangen.
Mit geschlossenen Augen folgte ich im Geist dem Strömen meines Blutes, das durch die Herzkammern floß, dann blaurot durch die Lungenschlagader strömte und sich rasch in Rot verwandelte, während es in den Lungenflügeln mit Sauerstoff angereichert wurde. Durch den Aortabogen schoß es nun in rasender Geschwindigkeit dahin und verzweigte sich nach oben, nach unten, zur Seite - in die Halsschlagader, hinein in die Nieren, in die Schlagader am Schlüsselbein. Bis in die feinsten Kapillaren und bis direkt unter die Haut verfolgte ich den Blutkreislauf meines Körpers, und ich empfand Vollkommenheit und Wohlbefinden. Frieden.
Ruhig saß ich da, atmete langsam und fühlte mich schläfrig wie nach dem Liebesakt. Ich spürte meine Haut, dünn und verletzlich, die etwas geschwollenen Lippen, und meine Kleider fühlten sich an wie Jamies Berührung. Es war kein Zufall, daß ich an ihn gedacht hatte, um die Heilungskräfte in mir zu wecken. Ob es die geistige oder die körperliche Gesundheit betraf - seine Liebe war für mich wichtig wie Brot oder Blut.
Der Kopfschmerz war verschwunden. Einen Augenblick verweilte
ich noch, dann erhob ich mich und ging den Hügel hinunter nach Hause.
Ein Zuhause hatte ich eigentlich nie gehabt. Mit fünf Jahren wurde ich Waise und teilte in den folgenden dreizehn Jahren das vagabundierende Forscherleben meines Onkels Lamb. In Zelten auf staubigen Ebenen, in Höhlen in den Bergen oder in den gekehrten und geschmückten Kammern einer leeren Pyramide schlug Quentin Lambert Beauchamp, M. A., Dr. rer. phil., Mitglied der Königlichen Akademie der Naturwissenschaften, jeweils sein flüchtiges Lager auf und betrieb seine archäologischen Forschungen, die ihn berühmt machen sollten, lange bevor ein Autounfall seinen Bruder das Leben kostete und mich in sein Leben drängte. Onkel Lamb war nicht der Typ, der sich über Kleinigkeiten wie eine verwaiste Nichte lange den Kopf zerbrach, und so hatte er mich in einem Internat angemeldet.
Doch ich gehörte nicht zu denen, die die Wechselfälle des Schicksals kampflos hinnehmen, und weigerte mich strikt, dorthin zu gehen. Da Onkel Lamb an mir einen Charakterzug wahrnahm, den er von sich selbst nur allzugut kannte, zuckte er bloß die Schultern und ließ mich an seinem Vagabundenleben teilhaben.
Dieses ruhelose Leben war dann mit Frank weitergegangen, hatte sich aber vom freien Feld in die geschlossenen Räume der Universitäten verlagert. Denn die Forschungen eines Historikers finden für gewöhnlich drinnen statt. Als dann 1939 der Krieg ausbrach, war das für mich ein weitaus geringerer Bruch als für die meisten anderen Menschen.
Ich zog aus unserer letzten Mietwohnung in die Schwesternstation im Pembroke Hospital und von da aus in ein Feldlazarett nach Frankreich, ehe ich wieder nach Pembroke zurückkehrte. Es folgten einige wenige kurze Monate mit Frank, bevor wir nach Schottland aufbrachen, um wieder zueinanderzufinden. Doch hier verloren wir uns für immer, als ich in einen Steinkreis trat, den Wahnsinn kennenlernte und mich in einer Vergangenheit wiederfand, die jetzt meine Gegenwart war.
Es war seltsam und wunderbar zugleich, in Lallybroch im oberen Schlafzimmer neben Jamie aufzuwachen, sein schlafendes Gesicht im morgendlichen Dämmerlicht zu sehen und daran zu denken, daß er in diesem Bett geboren worden war. Die Geräusche im Haus, das Ächzen der Hintertreppe unter den Schritten einer Magd, der Regen,
der auf das Schieferdach trommelte - all das waren Geräusche, die er schon so oft gehört hatte, daß er sie nicht mehr wahrnahm. Ich schon.
Seine Mutter Ellen hatte einen spätblühenden Rosenstrauch neben der Haustür gepflanzt, dessen feiner und schwerer Duft durch das Schlafzimmerfenster drang. Es war, als ob sie selbst hereinkäme und im Vorbeigehen sanft sein Gesicht streifte. Und auch mich mit einer flüchtigen Berührung willkommen hieß.
Hinter dem Wohnhaus lag Lallybroch selbst; Felder und
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