Die Geliehene Zeit
Scheunen, das Dorf und die kleinen Gehöfte. In dem Fluß, der von den Bergen herabkam, hatte Jamie Fische gefangen, er war die Eichen hinaufgeklettert und hatte Lärchen erklommen, deren Holz inzwischen von den Herdfeuern der Katen verzehrt worden war. Dies hier war sein Zuhause.
Doch auch sein Leben war voller Brüche und Erschütterungen gewesen. Verhaftung, das gehetzte Leben eines Geächteten, das entwurzelte Leben eines Söldners. Dann wieder Verhaftung, Gefangenschaft und Folter, und schließlich die Flucht ins Exil, das nun hinter ihm lag. Doch die ersten vierzehn Jahre seines Lebens hatte er an einem Ort verbracht. Und auch daß er, wie es Brauch war, für zwei Jahre zum Bruder seiner Mutter, Dougal MacKenzie, geschickt wurde, gehörte zum Leben eines jungen Mannes, der später auf sein Gut zurückkehren, sich um seine Pächter und um Haus und Hof kümmern und Teil eines großen Ganzen werden würde. Beständigkeit war seine Bestimmung.
Allerdings war da jene Zeit der Abwesenheit gewesen, in der er Dinge gesehen hatte, die über die engen Grenzen von Lallybroch hinausgingen, ja jenseits der felsigen Küste Schottlands lagen. Jamie hatte mit Königen gesprochen, Recht und Gesetz und Handel kennengelernt, Abenteuer, Gewalt und Magie erlebt. Da er nun einmal die Grenzen der Heimat überschritten hatte - konnte ihn seine Bestimmung, sein Schicksal hier für immer festhalten? Ich war mir nicht sicher.
Als ich den Hügel hinabstieg, sah ich ihn unten Pflastersteine setzen. Er reparierte einen Riß in einer Trockenmauer, die ein kleines Feld begrenzte. Neben ihm auf der Erde lagen zwei Kaninchen, sauber ausgeweidet, aber noch nicht gehäutet.
»›Heim kehrt der Schiffer, heim vom Meer, und der Jäger kehrt heim von den Hügeln‹«, zitierte ich, während ich näher kam.
Er lächelte mir zu, wischte sich den Schweiß von der Stirn und schüttelte sich.
»Hör mir bloß auf mit dem Meer, Sassenach. Ich habe heute morgen zwei Burschen gesehen, die ein Stück Holz auf dem Mühlteich schwimmen ließen, und allein vom Zuschauen wäre mir beinahe mein Frühstück hochgekommen.«
Ich lachte. »Dann hast du also keine Eile, nach Frankreich zurückzukehren?«
»Gott bewahre. Nicht einmal der Weinbrand kann mich lokken.« Er setzte einen letzten Stein auf die Mauer und rückte ihn zurecht. »Gehst du nach Hause?«
»Ja. Soll ich die Kaninchen mitnehmen?«
Er schüttelte den Kopf und bückte sich nach ihnen. »Brauchst du nicht; ich komme auch mit. Ian braucht jemanden, der ihm bei den neuen Vorratskellern für die Kartoffeln hilft.«
Die erste Kartoffelernte in Lallybroch sollte in wenigen Tagen stattfinden, und auf meinen schüchternen und laienhaften Rat hin wurde ein kleiner Keller gebaut, um die Kartoffeln darin zu lagern. Ich hatte äußerst gemischte Gefühle, wenn ich das Kartoffelfeld betrachtete. Einerseits war ich richtig stolz auf das wuchernde Kraut. Andererseits bekam ich panische Angst bei dem Gedanken, daß sechzig Familien den ganzen Winter hindurch mit dem auskommen mußten, was unter diesem Kraut in der Erde steckte. Auf meinen Vorschlag hin - den ich unbedacht ein Jahr zuvor gemacht hatte - war ein erstklassiges Gerstenfeld in einen Kartoffelacker umgewandelt worden. Bis dahin waren Kartoffeln im Hochland gänzlich unbekannt.
Wie ich wußte, würde sich die Kartoffel im Hochland zu einem wichtigen Nahrungsmittel entwickeln, da sie weniger krankheitsanfällig war als Hafer und Gerste. Das hatte ich vor langer Zeit in einem Geographiebuch gelesen. Doch die Verantwortung für die Menschen zu übernehmen, die von den Früchten der Erde leben mußten, war etwas ganz anderes.
Ich überlegte, ob diese Verantwortung nicht vielleicht nur Übungssache war. Jamie war es gewohnt, sich um die Angelegenheiten des Gutes und der Pächter zu kümmern, als wäre er dafür geschaffen. Aber das war er ja auch.
»Dann ist der Keller also bald fertig?« fragte ich.
»Aye. Ian hat die Türen gemacht, und auch die Grube ist fast
ausgehoben. Nur im hinteren Teil ist lockeres Erdreich, wo er mit seinem Holzbein immer steckenbleibt.«
Nachdenklich blickte Jamie zu dem Hügel hinter uns. »Wir müssen den Keller bis heute abend fertig haben und abdecken. Es wird noch regnen.«
Ich drehte mich ebenfalls um. Auf dem Hügel war nichts zu sehen außer Gras und Heidekraut, ein paar Bäume und felsiges Granitgestein, das hie und da zwischen dem Gestrüpp hervorspitzte.
»Woher zum Teufel weißt du das bloß?«
Er
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