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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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hat?«
    »Aye. Er hat immer ein furchtbares Theater gemacht, deshalb schämte ich mich nicht so sehr für mein eigenes Geschrei.« In der Dunkelheit konnte ich Jamies Gesicht nicht mehr erkennen, aber ich sah ihn wieder verlegen mit den Schultern zucken.
    »Natürlich versuchte ich, nicht zu schreien, aber es gelang mir nicht immer. Wenn mein Vater überzeugt war, ich hätte Prügel verdient, dann bekam ich eine ordentliche Tracht. Und der rechte Arm von Ians Vater war mächtig wie ein Baumstamm.«
    »Weißt du«, sagte ich mit einem Blick auf das Haus, »ich habe noch nie so recht darüber nachgedacht, aber warum um alles in der Welt hat dich dein Vater ausgerechnet hier draußen verdroschen? Im Haus oder in der Scheune wäre doch sicher auch genug Platz gewesen.«
    Jamie schwieg einen Augenblick, dann zuckte er wieder die Schultern.
    »Ich hab’ ihn nie danach gefragt. Aber ich vermute, es war so ähnlich wie beim König von Frankreich.«
    »Beim König von Frankreich?« Dieser plötzliche Gedankensprung verblüffte mich ein wenig.
    »Aye«, erwiderte er trocken, »ich weiß nicht genau, wie man sich dabei fühlt, wenn man sich in aller Öffentlichkeit waschen und anziehen und aufs Klo gehen muß. Aber ich kann dir sagen, es ist eine sehr demütigende Erfahrung, dastehen und den Pächtern deines Vaters erklären zu müssen, wofür du den Hintern versohlt bekommen hast.«

    »Das kann ich mir vorstellen«, nickte ich mitfühlend und doch belustigt. »Wo du doch der zukünftige Gutsherr warst, meinst du? Deshalb hat er es hier draußen gemacht?«
    »Ich vermute es. Die Pächter sollten sehen, daß ich wußte, was Gerechtigkeit bedeutet - wenn auch als Leidtragender.«

32
    Das Feld der Träume
    Das Feld war in der üblichen Art und Weise angelegt - lange Dämme hoch aufgehäufter Erde mit tiefen Furchen dazwischen. Die Ackerzeilen waren kniehoch, so daß man, wenn man die Furchen entlangging, leicht von Hand säen konnte. Eigentlich waren sie für den Anbau von Gerste und Hafer gedacht, aber man sah keine Notwendigkeit, sie für den Kartoffelanbau zu ändern.
    »Es hieß ›anhäufeln‹«, sagte Ian und ließ den Blick über den von dichtem grünen Kraut überwuchterten Acker schweifen, »aber ich dachte, die Ackerzeilen erfüllen den gleichen Zweck. Die Häufel sollen scheinbar dafür sorgen, daß das Wasser abläuft und die Dinger nicht verfaulen. Unser Feld mit den Ackerzeilen tut das meiner Meinung nach genauso.«
    »Das leuchtet mir ein«, nickte Jamie. »Oberirdisch haben sich die Pflanzen jedenfalls gut entwickelt. Steht in deinem Buch auch, wann die Dinger ausgebuddelt werden können?«
    Ian, betreut mit dem Anbau der Kartoffeln in einem Land, in dem diese Feldfrucht noch nie gesichtet worden war, war systematisch und methodisch zu Werke gegangen. Er hatte sich aus Edinburgh nicht nur das Saatgut, sondern auch ein Buch über die Feldbestellung schicken lassen. Es trug den Titel Eine wissenschaftliche Abhandlung über die Anbaumethoden in der Landwirtschaft und war verfaßt von Sir Walter O’Bannion Reilly. Das Buch enthielt auch einen Abschnitt über den in Irland praktizierten Kartoffelanbau.
    Ian hielt den gewichtigen Band unter dem einen Arm - Jenny hatte mir verraten, daß er sich niemals ohne das Buch zum Kartoffelacker begab, denn es konnte ja plötzlich ein schwieriges Problem auftauchen. Er schlug das Buch auf und stützte es auf seinen Unterarm, während er in seiner Felltasche nach der Brille suchte, die er zum Lesen aufsetzte. Die Brille, ein Drahtgestell mit
kleinen runden Gläsern, hatte bereits sein Vater getragen. Mit der Brille auf der Nasenspitze sah Ian aus wie ein überaus ernsthafter junger Storch.
    »Die Kartoffeln werden geerntet, wenn die erste Wintergans auftaucht«, las er vor, dann hob er den Kopf und blickte forschend auf den Kartoffelacker, als erwartete er, daß eine Gans ihren Kopf zwischen den Furchen hervorstreckte.
    »Wintergans?« Jamie sah über Ians Schultern hinweg ins Buch. »Was für eine Gänseart meint er denn? Graugänse? Aber die sind doch das ganze Jahr über da. Das kann nicht stimmen.«
    Ian zuckte die Achseln. »Vielleicht gibt es sie in Irland nur im Winter. Oder er meint eine irische Gänseart und keine Graugänse.«
    Jamie schnaubte verächtlich. »Das ist aber eine große Hilfe. Sagt er denn sonst irgend etwas Brauchbares?«
    Ian fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang und bewegte lautlos die Lippen, während er las. Inzwischen hatten sich um uns einige

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